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Modenschau in Sibirien : Defilee der Zwangsjacken

Schützt vor Dummheiten: neue russische Immobilisierungsmode für Könige, Minimalisten, Rohstoffrentiers, Sportfanatiker, Selbstironiker und Patriotinnen. Bild: Alexander Kolpakow

Die Menschen unserer Zeit sind nicht ganz gesund, findet eine Künstlergruppe aus Sibirien. Und reagiert auf diese Krise mit einer modischen Zwangsjackenkollektion.

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          In der sibirischen Universitätsstadt Tomsk fand im Rahmen des Festivals für junge Kunst soeben eine Modenschau der etwas anderen Art statt. Die Tomsker Künstlergruppe Snu-Snu zeigte zwölf schick-phantasievolle Zwangsjacken nach Entwürfen des Künstlers Alexander Kolpakow und der Designerin Lolita. Sie reagierten damit auf globale Trends und wollten den Zeitgeist einfangen, erklärten die sibirischen Modeschöpfer. Jeder zurechnungsfähige Zeitgenosse, der in unserer Wirklichkeit lebe, merke, dass die Menschen nicht ganz gesund seien, sagte Kolpakow, der im Brotberuf Werbedesigner ist und an einer Hochschule lehrt. Mit der Zwangsjackenkollektion wollten er und seine Mitstreiter Wege weisen, wie man mit dieser Krise zurechtkommen könne.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Thema der Kollektion mit dem Titel „Die Hände verwandeln sich...“ ist die Fixierung der oberen Extremitäten des Menschen, was ihn davor bewahren soll, Dummheiten zu machen. Auf Schönheit braucht dabei keiner zu verzichten: Für den Netzlook, der, wie Kolpakow behauptet, in dieser Saison angesagt sei, steht das ansonsten orangegoldene Clownshemd. Ein weiteres must, das Folkloreoutfit, bei dem der Kokoschnik-Kopfschmuck in aktueller Arte-povera-Manier auf ein Wollfadengerippe reduziert wurde, feiere die Verklemmtheit der guten alten Zeit, verriet das Model. Für den sich jeder Verantwortung entziehenden absoluten Machthaber gibt es die Edelzwangsjacke mit Kunsthermelinkragen. Und im Goldblätterwams mit einem sich selbst umarmenden Silberrohr als Armersatz darf sich der Rohstoff-Rentier als Avantgardist der vaterländischen Kreativszene fühlen.

          Einen Kontrapunkt setzten Sanitäterinnen in grauen Military-Kitteln mit dem Logo „Omonim“ (das russische Wort für „Homonym“ spielt auf die Bezeichnung Omon für die Sonderpolizei an) und freien Armen. Die realen Aufseher der russischen Gesellschaft brachten im sibirischen Barnaul dieser Tage die 23 Jahre alte Maria Motusnaja wegen „Säens religiösen Hasses“ vor Gericht, weil sie über soziale Netzwerke das Bild einer Schlammstraße mit einem kirchlichen Prozessionszug und der Unterschrift „Die zwei Probleme Russlands“ verbreitete, was auf Gogols Diktum anspielt, Russland habe zwei Probleme: Dummköpfe und schlechte Straßen. Flankierend wurde das Bankkonto von Motusnaja gesperrt. Im südsibirischen Chakassien wurde die Aktivistin für chakassische Kultur, Lidia Bainowa, als „Extremistin“ gebrandmarkt, weil sie über soziale Netzwerke die Unterdrückung ihrer Heimat beklagte. Auch ihr Bankkonto wurde gesperrt. In Sibirien lebe man wie in einem furchterregenden Zaubermärchen, sagt Kolpakow: Täglich könne man Wunder erleben und Ungeheuern begegnen.

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