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Modigliani-Schau in Wien : Auf der Suche nach dem Ursprung

Einst skandalös: Der „Liegender Frauenakt auf weißem Kissen“ (um 1917) trägt Schamhaar. Bild: bpk / Staatsgalerie Stuttgart

Auch Modigliani war inspiriert von den „Primitiven“. Das zeigt eine opulente Ausstellung in der Wiener Albertina – und wirkt dabei verblüffend zeitgemäß.

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          Modigliani, der Trunkenbold, der Drogensüchtige, der Frauenheld, der früh verstorbene letzte Bohémien vom Montmartre. Modigliani, der Künstler, dessen mandeläugige Porträts und Akte gefällig in der Linienführung Richtung Art déco weisen, während die Kollegen um ihn herum – vorneweg der Gigant Picasso – mit avantgardistischem Furor den Bildraum zerlegen. Marc Restellini möchte aufräumen mit den Mythen und Klischees, die sich um den italienische Maler, Zeichner und Bildhauer Amedeo Modigliani gebildet haben. Die Tuberkulose setzte seinem Leben am 24. Januar 1920 mit gerade einmal fünfunddreißig Jahren ein Ende; zwei Tage später sprang seine hochschwangere Verlobte, die Malerin Jeanne Hébuterne, in den Tod.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht von diesem Ende her, das selbst Stoff für Legenden ist, schaut Restellini auf das Schaffen des gebürtigen Livornesen, der aus einer sephardischen jüdischen Fa­mi­lie stammte und in Florenz, Rom sowie Venedig studierte, bevor er 1906 nach Paris kam.

          Inspirierende Innerlichkeit: Weiblicher Kalksandsteinkopf aus,Angkor, Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden.
          Inspirierende Innerlichkeit: Weiblicher Kalksandsteinkopf aus,Angkor, Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden. : Bild: ©Musée Guimet – Musée national des arts asiatiques, Paris

          Der Historiker und Gründer der Pinacothèque de Paris hat schon mehrere Ausstellungen über Modigliani kuratiert und arbeitet am Werkverzeichnis des Künstlers. In der Wiener Albertina hat er Gelegenheit, in einer ursprünglich zum hundertsten Todestag geplanten, opulenten Schau von mehr als 120 Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen Amedeo Modigliani aus seiner Gegenwart und dem Kontext seiner Einflüsse heraus zu deuten, nicht vom Nachleben her: als Künstler, der emanzipatorisch denkende Frauen wie die Dichterin Anna Achmatova und die Schriftstellerin Beatrice Hastings liebte, womöglich doch nicht ganz so viel trank und sich ganz der „Revolution des Primitivismus“ verschrieben hat.

          Archaische Anmutung: Amadeo Modiglianis „Kopf“, 1911/12 aus Kalksandstein geschlagen.
          Archaische Anmutung: Amadeo Modiglianis „Kopf“, 1911/12 aus Kalksandstein geschlagen. : Bild: Minneapolis Institute of Art. Gift of Mr. and Mrs. John Cowles / Bridgeman Images

          Mit diesem Untertitel greift die Ausstellung bewusst – Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Albertina, unterstreicht es – einen in Zeiten gesteigerter dekolonialistischer Sensibilität erklärungsbedürftigen Begriff auf. Sogenannte Primitive, das wa­ren in der Wortwahl des 19. Jahrhunderts zunächst flandrische und norditalienische Künstler der Spätgotik; erst später weitete sich der Begriff auf außereuropäische Kulturen aus. Die Hinwendung zu diesen im­pli­zierte für die Avantgardisten kein He­rab­sehen auf indigene Kunst, sondern die Überzeugung, dass Artefakte aus Afrika oder Fernost, die sie in der ethnographischen Sammlung des Musée du Trocadéro ent­deckten, ebenso wie prähistorische Skulpturen oder ägyptische Reliefs das We­sen der Kunst in bewundernswerter Ur­sprüng­lich­keit darstellten: das Gegenteil des akademischen Virtuosentums, das die vorwärtsgewandten Künstler überwinden wollten. Dass ihre ästhetische Faszination auch von Raubkunst geweckt wurde, steht auf einem anderen Blatt.

          Vereint mit Vorbildern und Kollegen

          Ein steinerner Frauenkopf aus Angkor mit sinnend gesenkten Lidern; eine hölzerne Maske der Fang aus dem heutigen Gabun mit strichförmig verlängerter Nase; zwei von Modigliani 1911/12 aus Sandstein geschlagene Köpfe mit überschlanken Schädeln und Mandelaugen; ein maskenhaft gemalter Frauenkopf von Picasso aus dem Jahr 1908; eine metallisch glänzende, fast schon abstrakte Kopfskulptur Brancusis von 1913: Gleich die ersten Säle bringen Modigliani mit exotischen Vorbildern, die er in Paris gesehen hat, und seinen beiden großen Antipoden zusammen.

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