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Bildabhängeaktion in Leiden : Verwoked

  • -Aktualisiert am

Niederländisches Gruppenbildnis mit Überlebendem: Gemälde des ehemaligen Rektorats der Universität Leiden von Rein Dool, 1976. Der zweite von links ist der damalige Rektor und Mediävist Dolf Cohen, der noch 1941 von Johan Huizinga mit der Doktorarbeit „Die Troja-Vorstellungen der mittelalterlichen Geschichtsschreiber im Westen bis 1160“ promoviert wurde. Bild: Rob Dorresteijn/Universiteit Leiden

Wokes Unwohlsein angesichts sechs alter Männer, von denen drei rauchen: Die Universität Leiden hatte der Cancel Culture nachgegeben und ein Bild abgehängt, das unter anderen den einstigen jüdischen Rektor zeigt.

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          Der neunundachtzigjährige niederländische Künstler Rein Dool bezeichnet den blinden Aktionismus als „engstirnig“: Die Universität Leiden, für die Dool 1976 in Öl auf Leinwand einen Blick in den Sitzungssaal mit sechs Professoren des Rektorats festhielt, von denen die Hälfte raucht, hatte kurzerhand sein Bild abgehängt. Um diesen Ikonoklasmus in Gang zu setzen, reichte es, dass sich eine Studentin vom Anblick der rauchenden alten Männer gestört fühlte. Sie postete auf Twitter, der Proskriptionsliste unserer Zeit, ein Bild des Bildes und forderte eine „selbstkritische“ Kommentierung. Die Dekanin der Juristischen Fakultät machte sich die Kritik der Studentin sogleich zu eigen und begründete den Vollzug des Abhängens und mit der Bildseite An-die-Wand-Stellens (gewissermaßen ein „Stell dich in die Ecke und schäm dich“) mit ihrer eigenen Aversion gegen das langjährige Konferieren mit Männern, um noch hinzuzufügen: „Und den Rauch hasse ich auch.“ Nun muss man kein Raucher sein und noch nicht einmal das grundsätzliche Recht darauf verteidigen, um zu erkennen, wie hanebüchen die Darstellung rauchender Männer als Abhänge-Argument ist; mit dieser Begründung müssten im unweit gelegenen Haarlem und andernorts zahlreiche rauchende „Kavaliere mit Tonpfeife“ des Barockmalers Frans Hals und seiner Werkstatt abgehängt werden, weil in den Spelunken niederländischer Genremalerei unentwegt gequalmt wird. Erst recht aber wären in den Filmarchiven zahllose Kinoklassiker mit rauchenden weißen Männern sowie vor allem alle Interviews mit Günter Gaus um die Raucherszenen zu zensieren, was im Fall von Gaus’ begnadeten „Zur Person“-Interviews auch Frauen wie Hannah Arendt träfe, die das Studio 1964 mit ihm um die Wette einnebelte. Und – um die Surrealität des bildlichen „Rauchverbots“ zu untermalen – es müsste letztlich selbst das Zeigen von René Magrittes gemalter Nicht-Pfeife „La trahison des images“ mit dem berühmten Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“ darunter verboten werden.

          Bild, stell dich in die Ecke und schäm dich!

          Wie bei Magritte mit der nicht rauchenden Rauchpfeife steht auch auf Dools Bild ein Elefant im Raum: Keiner der sechs Granden wird idealisiert dargestellt; im Gegenteil sitzen sie schweigend, schmerbäuchig und schwer brütend hinter Rauchwolken und über Aktenbergen, ohne dass auch nur einer den anderen anblicken würde. Zusätzlich türmt der Maler surreal vor dem mittleren Sitzenden schwarze Aktenordner wie abstrakte Treppenstufen auf. Als absolutes No-Go der Por­trätkunst ist zudem der Kopf des einzigen Stehenden über der Nase abgeschnitten. Dieser Schnappschuss in Öl nimmt sich also keinesfalls ernst und zeigt gewiss keine Genies; er kommentiert sich vielmehr selbstironisch – wenn man ihn denn unvoreingenommen betrachtet. Das wirklich Bittere an dieser Cancel-Aktion jedoch ist, dass es sich bei dem genrehaft porträtierten und jetzt beinahe zum Verschwinden gebrachten Rektor um Dolf Cohen handelte, der anders als etwa Anne Frank die NS-Besatzungszeit in seinem Versteck überlebt hatte. Inzwischen hat die Universität das Bild nach breiten Protesten wieder aufgehängt. Der Schaden eines vernebelten Woke-Verdachts aber bleibt.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

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