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Michelangelo : Er entschied, was der Nachwelt zukam

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          6 Min.

          Cosimo I. de' Medici, Herzog der Toskana, war empört. Nach dem Tod Michelangelos am 18. Februar 1564 hatte man im Macel de' Corvi in Rom, wo der berühmteste Künstler seiner Epoche seit Jahrzehnten gewohnt und gearbeitet hatte, einen Nachlass gefunden, der ganz und gar nicht den hochgesteckten Erwartungen des Florentiner Herrschers entsprach. Bereits im Jahr zuvor hatte der führende Kunstschriftsteller Italiens, Giorgio Vasari, nach Absprache mit dem Herzog die römische Werkstatt Michelangelos am Trajansforum beobachten lassen. Man sorgte sich vor allem darum, dass bereits vor oder sofort nach dem Tod des greisen Künstlers einige seiner begehrten Werke verschwinden könnten, besonders Zeichnungen, die im Gegensatz zu Skulpturen leicht hätten fortgeschafft werden können. Daher wurde am 19. Februar 1564, nur einen Tag nach dem Tod des Künstlers, ein Inventar des im Macel de' Corvi vorhandenen Besitzes erstellt.

          Viel gab es nicht zu inventarisieren. Abgesehen von der bescheidenen Ausstattung des Anwesens mit Haushaltsgütern, verzeichnet das Dokument die kleine Skulptur eines Christus mit Kreuz, eine wohl für die erste Version des Juliusgrabes bestimmte Petrusstatue, die Pietà Rondanini sowie zehn „Kartons“ („cartoni“), also wahrscheinlich architektonische Planskizzen, aber keine nennenswerte Zahl figürlicher Zeichnungen.

          Den Banken darf man nicht trauen

          Zwei Briefe Daniele da Volterras, der eine an Giorgio Vasari vom 17. März 1564 und der andere an Lionardo Buonarroti vom 11. Juni 1564, bestätigen die enttäuschenden Funde im römischen Nachlass des Künstlers. Cosimo de' Medici macht seinem Ärger in einem Brief vom 5. März 1564 an seinen Geschäftsträger in Rom, also rund zwei Wochen nach Michelangelos Tod, mit aufschlussreichen Worten Luft: Dass Michelangelo eigene Zeichnungen verbrannt (!) habe, sei seiner unwürdig. Überaus reichlich vorhanden war im Macel de' Corvi dagegen Bargeld, insgesamt 8289 Goldmünzen mit einem Wert, der damals ungefähr dem Verkaufspreis des Palazzo Pitti entsprach, des monumentalsten Palastes der Florentiner Renaissance. Schon Michelangelo wusste, dass man den Banken nicht trauen darf!

          Ein großer Teil der traditionellen Forschung mochte sich nie so recht mit dem Desaster vom Macel de' Corvi abfinden. Zwar gab es schon immer Zweifler, die sogenannten „Revisionisten“, eine nicht sonderlich beliebte Unterabteilung der Michelangeloforschung, die das OEuvre des Künstlers auf unter zweihundertZeichnungen zu drücken versuchte. Aber die „Expansionisten“, darunter die renommiertesten Experten weltweit, beharren bis heute auf deutlich optimistischeren Annahmen: Zwischen 650 und 900 Zeichnungen beziehungsweise Blätter umfasse das erhaltene Corpus des Meisters.

          Zuflüsse aus zwei Quellen

          Die Annahme eines derartig umfangreichen Corpus von Zeichnungen stützt sich hauptsächlich auf die Zuflüsse aus zwei Quellen: Michelangelos Atelier in Florenz, das seit dem Umzug des Künstlers nach Rom, 1534, verwaist und bis 1564 nur wenigen Vertrauten zugänglich war, und die Sammlung Tommaso de' Cavalieris (um 1515-1587), eines der engsten Freunde Michelangelos, der eine ganze Reihe von Blättern besessen haben muss, darunter die berühmtesten unter den Geschenkzeichnungen: Tityos, Raub des Ganymed, Sturz des Phaeton und Kinderbacchanal.

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