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„Meta Monumental Garage Sale“ : Auf dem Flohmarkt im MoMA

  • -Aktualisiert am

Der ultimative Garagenverkauf: Martha Rosler verscherbelt im New Yorker Museum of Modern Art fleckige Krawatten, Bettvorleger und fast schon antike Computer.

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          Schnäppchen sind hier nicht zu haben. Unter ein und demselben Dach mit Picassos, Cézannes und Pollocks muss ein dezent abgeschabter Rucksack an Wert und offenbar auch Geldwert gewinnen: Aber im Gegensatz zu den Gemälden wird er tatsächlich zum Kauf angeboten. Wie viel also? Jeder Preis, den ich zu hören und sehen bekomme, ich war gewarnt, sei ein Verhandlungspreis. Aber auch wer Feilschen als Sport betriebe, hätte sich wohl nur widerwillig in einen Handel um einen ausgedienten Leinenrucksack eingelassen, dessen Verhandlungsbasis bei sechzehn Dollar lag.

          New York ist ein teures Pflaster, wie allbekannt, und wenn das Museum of Modern Art mit Zahlen ins Gespräch kommt, dann sind es in der Regel Millionen. Es sei denn, der Besucher begnügt sich im Gift- Shop mit einem schwarzen oder roten Kaffeebecher, der samt MoMA-Logo für zwölf Dollar verkauft wird. Ich aber stehe jetzt nicht im Gift-Shop, sondern im Atrium des hohen Hauses, wo auch überm marktplatzähnlichen Treiben sonst die unverkäufliche Kunst schwebt. Derentwegen bin ich allerdings nicht gekommen. Ich will auf dem Flohmarkt fündig werden, in den sich das Atrium verwandelt hat. Shopping im MoMA, mal anders, mal umgeben von leicht modrig duftendem Krimskrams, den auch kein Museum zu adeln vermag.

          Bis zu einem Mercedes-Kombi, Baujahr 1981, leider ohne Motor und trotzdem mit einer Preisvorstellung von 4000 Dollar versehen, reicht die Angebotspalette, die im Übrigen mit dem Standardsortiment der originalamerikanischen Übung namens garage sale aufwartet. Will heißen, dass nichts fehlt zwischen Bettvorlegern, Unterhosen, fleckigen Krawatten, zersessenen Sofas, ausrangierten Keyboards, antiken Computern, verrosteten Schlittschuhen, Kinderfahrrädern, malerisch zersprungenem Geschirr, klebrigen Bestsellern, batterielosen Weckern und anderen garantiert sensationellen Dachboden- oder Kellerfunden.

          Solche Privatflohmärkte, die zumal an sonnigen Wochenenden in den Einfahrten von Einfamilienhäusern sprießen, gehören zum ländlichen und vorstädtischen Amerika wie patriotisch beflaggte Veranden. Ein gigantischer Sternenbanner segnet nun auch das MoMA-Konsumevent, dem die Künstlerin Martha Rosler den pompösen Titel „Meta-Monumental Garage Sale“ verliehen hat.

          Ach so, eine Performance! Nein, ist es eben nicht, soll es wenigstens nicht ausschließlich sein. Es wird völlig ungeniert gekauft und verkauft, gefeilscht und geschachert. Rosler hat das seit 1973 schon rund um die Welt ausprobiert, aber den Museumsgipfel des MoMA durfte sie erst jetzt erklimmen. Neuerdings passt sie halt wunderbar ins Programm eines Museums, das wie viele andere Mitspieler auf der globalen Bühne damit beschäftigt ist, vertraute Rollen über Bord zu werfen. Auktionshäuser versuchen sich als Galerien, Galerien fordern Museen mit museumswürdigen Ausstellungen heraus, Museen drängen zum Theater, zum Konzert, zur Performance. So hatte das MoMA sein Atrium den Elektronikpionieren von Kraftwerk und zuvor wochenlang Marina Abramovic, der Mutter der Performance, für eine öffentliche Séance überlassen.

          Martha Rosler, Konzeptpionierin auch sie, mag einst den New Yorker Kunsttempel als „Kreml des Modernismus“ verspottet haben, soll ihn nun aber einmal mehr aus der traditionellen Reserve locken. Mit einer Performance. Wer’s immer noch nicht glaubt, kann’s auf der Schiefertafel lesen, die mitten auf dem Flohmarkt steht und zu bedenken gibt: „Vielleicht ist der garage sale eine Metapher für den Geist.“ Spätestens da hat der Flohmarktbesucher keine andere Wahl, als die fleckige Krawatte, die er in der Hand hält, im Kontext mit Pollocks Tröpfelkunst wahrzunehmen.

          Was lassen sich hier, im Unterschied zum Urschauplatz in Suburbia, nicht auch kunst- und kulturtheoretisch die herrlichsten Pirouetten drehen. In konzeptuellen Schwung versetzt, wirft der umfunktionierte Museumsraum ein Schlaglicht nach dem andern aufs Geschäft mit der Kunst, auf ihren Warencharakter, ihre Konsumierbarkeit, die Stadien ihrer kommerziellen Auswüchse und Verirrungen. Alles aber ein bisschen gar zu offensichtlich? Nicht für die Zeitung zum Event, den „Garage Sale Standard“, der sich erkühnt, die imposantesten Querverbindung zu ziehen, Kafka und Edith Wharton ins Spiel ums Horten und Verscherbeln zu bringen, utopistische Züge und marxistische Fetischelemente aufzudecken und auch eine feministische Note aufklingen zu lassen.

          Dabei hat Rosler ja recht, wenn sie dem Museum vorwirft, den Wert der Kunst und ihre Verwendung auch in Geld zu messen, das aber nie offen einzugestehen. Wie der Zufall es will, zeigt das MoMA gerade ein paar Rolltreppen höher die Version von Munchs „Schrei“, die im Mai mit fast hundertzwanzig Millionen Dollar einen neuen Auktionsrekord aufstellte. Ob von Roslers Museumskritik im Verkaufsgewusel viel übrig bleibt, ist eine andere Frage. Ein Publikum, das sich auch unterhaltungstechnisch an den interaktiven Umgang gewöhnt hat, steht jedenfalls Schlange, um hineinzukommen. Der Museumsflohmarkt floriert. Als kulturkritische Gaudi verbrämt, scheint Shopping noch mehr Spaß zu machen.

          Vom Warenangebot zurück auf den Verkäufer zu schließen, wie das beim echten Garagenverkauf durchaus möglich wäre und immer Teil und Reiz der Transaktion ist, will im MoMA jedoch nicht so recht klappen. Zusammengetragen wurde der Plunder nämlich nicht allein von der Künstlerin, sondern auch von Künstlerkollegen, Mitarbeitern des Museums und allerhand Freunden und Bekannten, die etwas loszuwerden hatten.

          Das verwässert schon ein wenig den Performancecocktail. Egal, sein Ertrag soll wohltätigen Zwecken zugutekommen. Und dagegen ist überhaupt kein kritisches Kraut gewachsen. Darum: If you can’t beat them, join them. Noch so eine amerikanische Weisheit, die auch im Museum ganz pragmatisch weiterhilft. Das „Sinatra Christmas Album“, eine CD in verkratzter Plastikhülle, lockt mit einem gelben Fünf-Dollar-Aufkleber. Ich biete der netten Flohmarktangestellten im roten Überzieher drei. Für vier werden wir handelseinig.

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