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Meret Oppenheim in Hannover : Mondblume Anima blüht aus Wolken

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Ist sie wie ihre Kunst? Ist es wirklich ihr Unbewusstes, was wir hier sehen, das, wonach sie Ausschau hielt? Sie stellt auf ihren Papieren jede Bewegung still. Ihr Motiv der Wolke bietet alle Möglichkeiten für das Gegenteil: Sie werden zu zersplitterten Scherben, zu harten geometrischen Formen. Und doch: Es ist absolut still. Kein Geräusch zu hören. Ihr Materialgespür beweist diese Gleichzeitigkeit von Zuständen in fast jedem Werk. Die melancholische Grundstimmung ist nie depressiv, verzweifelt, todesmutig, wie bei so vielen anderen Künstlern ihrer Generation. Das Blatt ist ihr ebenbürtiges Gegenüber. Etwas Würdevolles geht zum Beispiel von einer kleinen, fast hübschen Zeichnung dahinziehender Wolken aus, die jetzt erst entdeckt wurde, in einer Korrespondenz. Ein großes Vertrauen in die Kunst als Ausdruck des Unbewussten spricht daraus.

Mit Zwang und Bann des Alltags

Sie hadert nur an einer Stelle in dieser Schau mit der äußeren Welt - in einem Objekt: Sie hat die Spitzen eines Stiefelpaares abgeschnitten. Und sie an den Spitzen zusammengeklebt als Symbol für eine Liebesbeziehung. Sie wird symbolisiert in diesem Paar, das sich vereint - und sich dadurch allerdings jede Lauffreiheit nimmt. Vor den Schuhen liegt noch ein kleines Ei in einem Nest aus Schnürsenkeln.

Doch gleich finden wir wieder zurück in die Stille: mit der „Blume auf einem Hügel“ von 1964, dem einzigen Gemälde in der Schau. Diese Pflanze besteht in ihrer Blüte aus Mondkreisen, die übereinandergelagert sind; der Stengel ist kühn-gerade, die Blätter wabern aus dem Stamm. Doch diese Blume ist symmetrisch, harmonisch angelegt - und könnte gelesen werden als ein Selbstporträt, ein in sich ruhender Mensch, der nur aus sich selbst und aus dem Unbewussten heraus, den Träumen und inneren Bildern, die Souveränität über das Leben erlangen kann. Dieses Bild hat es nicht nötig, sich mit Zwang und Bann des Alltags zu streiten.

Wie ein Schamane

Meret Oppenheim war eine der wenigen Frauen, die zu Lebzeiten ihren Erfolg genießen konnten. Auch das gab ihr Vertrauen - sie hatte ihn sich selbst zu verdanken, nämlich früh erkannt, dass nur Mut und Eigenständigkeit sie weiterbringen; das zeigt auch die berühmte Fotografie „Érotique Voilée“, die Man Ray 1933 von ihr machte: eine Nackte an der Druckerpresse von Marcoussis mit sprödem Blick, eine Frau, die weiß, wo und wie sie sich wohl fühlt, die nicht zerrissen, verzweifelt als Sinnsuchende durch die Welt poetisiert, sondern präzise formuliert, was sie will. Die Künstlerin führt hier Regie, nicht der Fotograf. Das Foto zeigt, wie sehr Meret Oppenheim mit den Unwägbarkeiten des Unbewussten einverstanden war: Denn gerade das Ungewisse gab ihr Sicherheit - mit ungewöhnlicher emotionaler Disziplin. Sie konnte die Dinge steuern wie ein Schamane.

Im Jahr 1949 träumte sie, dass ihr in einem gotischen Dom eine hohe, wurmzerfressene Holzstatue erschienen sei, die eine Sanduhr in der Hand umdreht. Sie deutete das als Hinweis, dass die Hälfte ihres Lebens vorbei sei. Und so geschah es: 1985 starb sie ganz unerwartet.

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