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Meret Oppenheim in Bern : Surrealismus mit Gazellenfell

  • -Aktualisiert am

Ausgerechnet das bekannteste Werk von Meret Oppenheim steht nicht im Mittelpunkt der Ausstellung des Berner Kunstmuseums: die berühmte Pelztasse. Sie ist aber da - man muß nur zwischen den zahlreichen Bildern suchen.

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          Was wägt die Waage? In der einen Schale liegt ein Kopf. Und es bewegt sich nichts. Vielleicht ist er nur zu leichtgewichtig, der Kopf, um den Waagebalken drücken zu können. Vielleicht ist es die Leere auf der anderen Seite, vielleicht ist die Leere so schwer, daß sie die Balance hält. Meret Oppenheim, Tusche, 1932/33. Eine Schlüsselzeichnung. Dunkel ahnend, hellsichtig sammelt sie die Zeichen für die eigene Geschichte. Die Geschichte einer Künstlerinnenexistenz, die zwischen Wut und Depression, Anerkennung und Reserve, Stolz und Verzagtheit immer wieder aufblühen und immer wieder vergehen wird.

          Das Werk ist nicht wirklich gut bekannt. Seit dem Tod der Künstlerin 1985 gab es kaum noch Übersichtsausstellungen. In der Kunstgeschichte hat Meret Oppenheim ihren festen Platz, bei den Surrealisten im Paris der dreißiger Jahre. Später hat sich der feministische Diskurs für sie interessiert. Und Valie Export fragt im Briefinterview: „Kann man durch die Kunst auf das Problem der Frau in unserer Gesellschaft und auf die Probleme mit sich selbst hinweisen?" Und es ist ein bißchen enttäuschend, was sie zur Antwort bekommt: „Ich glaube nicht an in diesem Sinn engagierte Kunst, das heißt, ich halte sie für wirkungslos."

          Gediegene Deutungskunst

          Was hat schon Wirkung? Die „Steinfrau" auf dem kleinen Bild von 1938, von der man nicht weiß, ob sie aus dem Wasser auftaucht oder im Wasser verschwindet? Die „Waldfrau" mit dem langen grünen Schwanz auf dem kleinen Bild von 1939, von der man nicht weiß, ob sie dem kleinen Mädchen einen Schreck einjagt oder ihm doch ein bißchen gefällt? Man weiß ja nicht einmal, ob diese kleinen Bilder jemals wirklich gesehen worden sind. Damals, als sie die Steinfrau und die Waldfrau und die kleinen Bilder malte, hatte sie sich schon wieder verabschiedet von der Artusrunde der Surrealisten, wo sie Männer, Freunde, Kollegen, wo sie Wirkung hatte.

          Es war Meret Oppenheims beste Zeit. Lebenshungrig war sie 1932 nach Paris gekommen, lernte Hans Arp kennen, Alberto Giacometti, befreundete sich mit ihm ein bißchen, befreundete sich mit Max Ernst, wollte Malerin werden, malte „Eine Minute ohne Gefahr!", und die Gralsritter um André Breton sahen keine Gefahr für den maskulinen Fortschritt der Kunst, wenn an ihm auch eine schöne junge Frau beteiligt wäre. Und so kam das kuriose Service auf den Tisch. Tasse, Untertasse, Kaffeelöffel, fein überzogen mit Gazellenpelz. Im Entstehungsjahr 1936 von Alfred Barr für das New Yorker Museum of Modern Art angekauft. Oppenheim-Werkverzeichnis WK A21. Das Firmenschild des Surrealismus. Seit Generationen Gegenstand gediegenster Deutungskunst.

          Mit hohen Absätzen zum Erfolg

          Werner Spiess, der einen kundigen Katalogtext zum „Objet de Désir" beigesteuert hat, hat recht. Es ist letztlich egal, ob die Anregung zum Pelzüberzug nun von Picasso gekommen ist oder ob die Idee von Meret Oppenheim selber stammt. Sie hat das haarige Stück gemacht, das zählt. Und daß es Breton war, der den Titel „Déjeuner en fourrure" (Frühstück im Pelz) dazugegeben hat, nimmt dem Set überhaupt nichts von seiner bedenklich oralen Sinnlichkeit.

          Kann man so etwas überbieten? Noch im selben Jahr hat Meret Oppenheim ein Paar weiße Damenpumps zusammengebunden, Papiermanschetten auf die hochhackigen Absätze gesteckt und den Schuhleib wie ein Poulet auf einem Tablett serviert. „Ma gouvernante - my nurse - mein Kindermädchen". Und gönnerisch schrieb Max Ernst, schau an, wie uns das Meretlein über den Kopf gewachsen ist.

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