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Maximilian Prüfers Experiment : Von den Leistungen menschlicher Schwarmintelligenz

  • -Aktualisiert am

Der Schwarm, ein vielseitiges Modell für menschliche Gesellschaften Bild: Science Photo Library

Seine Bilder machen Emergenz spürbar: Maximilian Prüfer beschäftigt sich mit Schwärmen. Seine Arbeiten sollen auch die Chancen des Internets als verlängertes Gehirn aufzeigen.

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          Bisher gilt es eher als schlechter Stil, auf eine Bühne zu treten und die Anwesenden mit „Lieber Schwarm“ zu begrüßen. In sozialen Netzwerken ist das eine normale Anrede für eine große Gruppe von Lesern. Wer so beginnt, möchte meist die Intelligenz wildfremder Menschen anzapfen. Dabei ist die Metapher des wimmelnden Insektenschwarms gar nicht auf diese eine Situation beschränkt.

          Der Schwarm ist ein vielseitiges Modell für menschliche Gesellschaften, das über die Jahrhunderte mehrmals seine Bedeutung änderte, aber seit der Antike nur immer relevanter wurde – erst dank der Industrialisierung, dann dank des Internets. Jetzt wird das Modell des Schwarms erneut auf die Probe gestellt, wenn der Künstler Maximilian Prüfer in seiner Galerie ein soziales Experiment auflöst.

          Leben unter Schwärmen

          In Augsburg lebt Prüfer mit gleich mehreren Schwärmen zusammen. Er sagt ihnen auch regelmäßig Hallo. Auf der Wiese hinter seinem Atelier lüftet er eine Plane und hebt den Deckel eines Kastens an. Darunter liegt ein unvollendetes Gemälde wie ein Schatz begraben. Was später im Rahmen nach minimalistischen Radierungen aussieht, die Galaxien oder Nervenstränge zeigen, ist die Arbeit eines Ameisenstaates.

          Sandkörner und Ameisen von Maximilian Prüfer
          Sandkörner und Ameisen von Maximilian Prüfer : Bild: Maximilian Prüfer

          In dem Kasten werden die Tiere schöpferisch tätig. Prüfer hat in jahrelanger Tüftelei eine Papierbeschichtung entwickelt, die so empfindlich ist, dass die Schritte oder Flügelschläge von Insekten darauf kontrastreiche Spuren hinterlassen. „Schon ein einzelnes Haar von mir würde das Bild verändern“, sagt Prüfer. Entscheidend ist gerade die Unleserlichkeit der Spuren. Sie sind dokumentarische Abdrücke einer Natur-Performance und zugleich unergründliche Abstraktionen.

          Obwohl Prüfer den Weg der Insekten beeinflusst – er verwendet Futter, Licht oder Schwerkraft -, thematisiert seine Kunst etwas anderes. Die Ameisen, die so klein sind, dass sich ihre Schritte zu Wolken verdichten, machen „Emergenz“ für jeden Betrachter erfahrbar. Die einzelne Ameise mag ineffizient und planlos sein. Sie kann ohne Draufsicht jedoch gar nicht um den Beitrag wissen, den sie zur kollektiven Intelligenz ihres Staates leistet. Erst die finalen Arbeiten geben eine Vorstellung davon. Mithilfe ihrer Duftstoffe addieren und mitteln Ameisen ihre gegangenen Pfade.

          Trotz teils unsinniger Irrwege bilden sie dezentral einen Konsens und häufen ihr Wissen immer weiter an. Gespeichert ist das nur in einem Muster, das emergent, also neu und größer als sie selbst ist, und das hier zum malerischen Gestaltungsprinzip wird. Bildlich gesprochen wirken viele Ameisen als ein größeres Lebewesen zusammen. Prüfer macht dieses Bild explizit: Ihr Terrarium ließ er aus Glas blasen, es ähnelt einem Gehirn, und die Ameisen regulieren darin die Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

          Differenzen in der Familie

          Wer in Prüfers Ausstellungen geht, soll in den Natur-Abdrücken eine quälende Abwesenheit erkennen. Prüfer klagt an, dass der Menschheit ihre kollektive Intelligenz abhandenkomme. Er und seine Geschwister wuchsen in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Bruder war im „Flügel“ der AfD aktiv. Seine Schwester arbeitet als Frauenbeauftragte und engagiert sich für Geflüchtete. Die Differenzen der beiden seien demokratisch schon nicht mehr zu mitteln. Für andere gibt es derweil noch Hoffnung. Deshalb lässt Prüfer auf seiner Website wildfremde Menschen die Anzahl von Sandkörnern in einem Glasgefäß schätzen, das dort hochauflösend und von allen Seiten abgebildet ist. Er will ein Bewusstsein für die Leistungen menschlicher Schwarmintelligenz schaffen wie für die Chancen des Internets als verlängertes Gehirn.

          Bisher reichen die Antworten, die er erhält, vom dreistelligen bis in den vierzehnstelligen Bereich, offenbaren also große Unwissenheit über Sand. Wenn Prüfer die Körner in seiner Wiener Galerie dann einzeln zählt, was mindestens sieben Tage und starke Nerven erfordern wird, verspricht er sich trotzdem ein Erfolgserlebnis für die Teilnehmer. Francis Galton zufolge müssten sie im Durchschnitt näher an die wahre Körnerzahl herankommen, als es Sand-Experten gelänge. Die Analogie zu den Ameisen ist Prüfer damit ziemlich gut gelungen. Der Vergleich mit dem demokratischen System hinkt ein wenig. Erstens sind Ameisen ein fragliches Vorbild, da einige Arten ihre Effizienz auch geraubten Sklaven verdanken. Zweitens würden Twitter-User erwidern, dass die Zahl der Körner ein harter Fakt ist, der sich um Meinungen wenig schert. Doch bis zur Auszählung in Wien darf es ganz verschiedene Schätzungen geben – selbst solche, bei denen sich Maximilian Prüfer an den Kopf fasst und die Augen verschließt.

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