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Mauerbau und Erdogan-Statue : Endlich wieder Krawall-Kunst

Hilfe, die Russen: Für das monumentale Kunstprojekt „Dau“ soll in der Hauptstadt ein ganzer Stadtteil mit einer „Berliner Mauer“ umbaut werden. Bild: 55164735 © Sergey Maximishin /

In Wiesbaden muss nach Protesten eine Erdogan-Statue weichen, in Berlin soll ein ganzer Stadtteil ummauert werden. Was verraten die beiden größten aktuellen Skandale der Kunstwelt über deren Zustand?

          7 Min.

          Recep Tayyip Erdogan wurde gestürzt, als es dunkel wurde. Noch weit vor Mitternacht fuhr ein Kranfahrzeug der Wiesbadener Feuerwehr vor, ein paar Männer umwickelten den goldenen Körper des Präsidenten mit Spanngurten und entfernten ihn vom Platz der Deutschen Einheit. Einen Moment noch baumelte die zwei Tonnen schwere, vier Meter hohe Statue in der Luft, dann wurde sie gekippt und abtransportiert, und das Letzte, was man von ihr sah, war der goldene Zeigefinger, der in die Wiesbadener Nachtluft ragte, als wolle der türkische Präsident sich melden, um noch einige letzte Dinge zu seinem Auftritt zu sagen.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Das tat für ihn die Stadtsprecherin: Oberbürgermeister Sven Gerich und Bürgermeister Oliver Franz, erklärte sie, hätten in Abstimmung mit der Landespolizei entschieden, dass die öffentliche Sicherheit nicht mehr weiter gewährleistet werden könne; daher habe die große, goldene Erdogan-Statue, die im Rahmen der Wiesbaden-Biennale erst ein paar Tage zuvor aufgestellt worden war, vom Platz der Deutschen Einheit entfernt werden müssen.

          Noch wenige Stunden zuvor hatten sich zwei- bis dreihundert Menschen an dem Standbild versammelt, darunter sowohl Gegner als auch Befürworter der Kunstaktion sowie Gegner und Befürworter Erdogans, es flogen Eier und matschige Äpfel, und weil die Werfer nicht so gut werfen konnten, trafen sie irgendwen, und es gab einen Aufruhr, jemand schmierte etwas auf den Sockel, jemand anderes versuchte, es zu entfernen, die Erdogan-Anhänger wussten nicht so genau, ob die Statue nun als Verherrlichung oder als Kritik zu lesen war, die AfD erklärte in einem Anfall unüblicher Begeisterung für Gegenwartskunst ihre Sympathien für das Werk, das aus ihrer Sicht auf eine verfehlte Ausländerpolitik verweist – und dann hieß es auch noch, aus dem gesamten Bundesgebiet würden Kurden anreisen, um sich zu einem klassischen Bildersturm zu versammeln in der Art, wie Heinrich VII. das Bildnis Karls I. in Piacenza umreißen ließ; oder wie George Bush seine Truppen befehligte, alle Saddam-Statuen publikumswirksam umzulegen, während der echte Saddam sich noch erfolgreich in einem irakischen Erdloch versteckte. In Wiesbaden ist die Polizei einem kurdischen Ikonoklasmus, der vielleicht von blutigen Auseinandersetzungen mit Erdogan-Anhängern begleitet worden wäre, durch eine vorauseilende Damnatio memoriae per Feuerwehrkran zuvorgekommen. Die Lokalpolitiker erklärten abschließend, der Aufwand, das Kunstwerk zu schützen, sei „unverhältnismäßig“.

          Das ist ein seltsames Argument; im Fall der deutlich aggressiveren Mohammed-Karikaturen hatte die Politik noch unisono bekundet, man dürfe vor den Drohungen radikaler Einzelner nicht zurückweichen, anderenfalls seien die Fundamente der Kunstfreiheit gefährdet. In Wiesbaden entschied man anders. Es kommt immer wieder vor, dass Kunstwerke im öffentlichen Raum für Proteste sorgen – was angesichts der aktuellen Definition von Kunst als etwas, das schockhaft hinterfragen, Widerstand formulieren soll, ja auch erwünscht ist, fast erwartet wird: Ein zu wenig protesthaltiges Werk, von dem alle allenfalls sagen, „schönes Rot!“, fällt im Relevanztest für die Zulassung als echte Kunst durch. Wenn aber die angestrebte Provokation jenseits ihrer Protestästhetik wirklich zündet, wird das Kunstwerk zum Gegenstand polizeilicher Erwägungen.

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