https://www.faz.net/-gqz-a8tqn

Deutscher Pavillon in Venedig : Zwischen Witz und Ernst

  • -Aktualisiert am

Die Künstlerin Maria Eichhorn. Bild: dpa

Die Künstlerin Maria Eichhorn wird 2022 den Deutschen Pavillon auf der 59. Biennale in Venedig gestalten. Besitz und die Frage, wer darüber verfügt: Das ist der rote Faden, der viele ihrer Arbeiten durchzieht. Ein Porträt.

          5 Min.

          Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Als Maria Eichhorn 2011 von der Kunsthalle Bern eingeladen wurde, eine Ausstellung auszurichten, sagte sie zu, nahm dankend das Budget an, leitete die Gelder jedoch um und ließ dringend notwendig gewordene Reparaturarbeiten in der Institution durchführen, vom Keller bis zum Kamin. In den Räumen der Kunsthalle ließ sich während der Öffnungszeiten eine ruhende Baustelle bestaunen, renoviert wurde in den Schließzeiten.

          Eichhorns Schau war damit vieles zugleich. Eine Ausstellung. Keine Ausstellung. Ein Scherz. Ein Streich. Hilfe in der Not. Und ein Zitat, denn den Einfall, keine Kunst auszustellen, hatten natürlich andere zuvor auch. Noch nie war dabei jedoch so klug die absurde Situation einer Einrichtung offengelegt worden. Die Berner Kunsthalle verfügte über ein Budget, um Ausstellungen durchzuführen, besaß aber kein Geld, um die Grundversorgung zu garantieren, etwa die Instandsetzung des Dachs. Das ganze Ausmaß des Dramas ließ sich im Katalog nachlesen. Beharrlichkeit ist für Eichhorn Prinzip: Bei allem Humor geht es der Künstlerin nie allein um eine originelle Geste.

          Als Eichhorn wenige Jahre darauf von der Kunstzeitschrift „Monopol“ in der Rubrik „Alter Meister, von neuen geliebt“ gefragt wurde, welches Werk ihr besonders am Herzen liege, nannte sie „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault. Das monumentale Gemälde von 1819 hängt in Paris im Louvre und zeigt Schiffbrüchige, die auf einem wogenden Meer treiben, zusammengedrängt auf einem Floß, mehr tot als lebendig. Wer es nicht besser weiß, könnte es für das Bild einer tragischen Situation halten, den Ausdruck allgemein menschlicher Verzweiflung und der Hoffnung, die zuletzt stirbt. Nichts jedoch lag Géricault ferner. Sein Werk ging auf einen Vorfall zurück, den die französische Regierung zu vertuschen versuchte, nachdem er weit mehr als hundert Matrosen das Leben gekostet hatte. Die menschengemachte Katastrophe beschäftigte den Künstler. Deshalb malte er groß, was andere kleinreden wollten.

          Auf den ersten Blick ist Eichhorns Wahl von Géricault vielleicht überraschend. „Malen hat mich gelangweilt, ich wollte einen anderen Ausdruck für das, was mich beschäftigt“, erzählte Eichhorn, geboren 1962 in Bamberg, einmal in einem Interview über ihre Ausbildung an der Hochschule der Künste in Berlin, wo sie bis 1990 studierte. Was folgte, waren Installationen, Filme oder Bücher. Und vor allem brillante Ideen, ausgearbeitet in zum Teil jahrelangen Recherchen. Der Wunsch, tief in die Verhältnisse einzusteigen, aus denen sie die Kunst hervorgehen lässt, verbindet die Künstlerin mit Géricault. Über den Arbeitsprozess, in dem „Das Floß der Medusa“ entstand, berichtete Eichhorn ausführlich in ihrem Beitrag für „Monopol“: „Monatelang sprach er mit Überlebenden und Ärzten, studierte Leichen und zeichnete sie ab. Im Schaffensprozess selbst zog er sich aus der Welt zurück und ließ sich sogar das Haar so kurz schneiden, dass er gar nicht erst in Versuchung kam, etwas anderes zu tun, als an dem Bild zu malen.“

          Die Coronavirus-Pandemie und der Lockdown haben ähnlich zurückgezogene Verhältnisse geschaffen, nur die Haare kann man sich nicht mehr schneiden lassen. Die Ankündigung, dass Eichhorn 2022 den Deutschen Pavillon auf der 59. Biennale in Venedig gestalten werde, fiel mitten hinein in den gähnenden Stillstand. Zu Beginn hielten viele die Krise für eine unfreiwillige Pause, inzwischen glauben die meisten, dass sich die Kunstwelt grundlegend ändern könnte. Was die Künstlerin darüber denkt?

          Das „Rose Valland Institut“ der Künstlerin Maria Eichhorn auf der documenta 14 in Kassel.
          Das „Rose Valland Institut“ der Künstlerin Maria Eichhorn auf der documenta 14 in Kassel. : Bild: dpa

          Anruf bei Maria Eichhorn, die in Berlin lebt und an der Zürcher Hochschule der Künste lehrt. Das Gespräch ist offen und freundlich, am Ende bleiben nur wenige Sätze, die zitiert werden können. Auch das passt zu ihrer Arbeitsweise. Keine Schnellschüsse. Keine Abschweifungen. Kein Gerede. Was Eichhorn in der Krise beschäftigt, ist das Folgende: „Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Auch in der Kunstwelt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundesministerin für Bildung und Forschung: Bettina Stark-Watzinger am 14. Januar in Berlin

          Wissenschaftsministerin : Ein liberaler Aufbruch?

          Die Wissenschaft wird nicht nur für den ökologischen Umbau gebraucht. Die neue Ministerin Bettina Stark-Watzinger sollte ihr dafür die Freiheit lassen, die ihr bisher verwehrt wird.
          Bundeskanzler Olaf Scholz mit Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez am Montag in Madrid

          Kanzler besucht Madrid : Warum Sánchez auf Scholz baut

          Olaf Scholz und Pedro Sánchez verbindet eine langjährige politische Freundschaft. Die beiden wollen die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Spanien ausbauen.