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Manet in Paris : Nackt im Freien sitzen

  • -Aktualisiert am

Paris feiert Edouard Manet in einer großen Ausstellung als Erfinder der Modernität. Dabei erstaunt vor allem, wie sorgfältig er diese konstruierte - aus Antike, Renaissance und spanischem Barock.

          6 Min.

          Die frühesten Bewunderer entdeckten in seinen Bildern eine Präsenz von Abwesenheit. Das Musée d'Orsay zeigt Edouard Manet. Erstmals seit bald dreißig Jahren rückt dieser Gigant wieder ins Zentrum der Bewunderung. Dabei, das sieht man auf den ersten Blick, spielt das, was man mit seinem Namen gerne verbindet, Impressionismus, Freiluftmalerei, keineswegs die überragende Rolle. Darstellungen, in denen er seine Themen einer gewichtslosen, atmosphärischen Verwandlung unterwirft, tauchen zwar auf. Aber sie haben, wenn man sie neben die Glücksbilder Monets oder Pissarros stellt, einen eher düsteren, schmerzhaften Ton. Manet braucht die Lichtmagie allenfalls, um die Details wegzusengen. Zumeist spielt er mit urbanistischer Anonymität.

          Das Museum offeriert keine Retrospektive, sondern eine Schau, die, wie es der Untertitel ankündigt, den Erfinder der Modernität, der akuten Zeitlichkeit vorstellen soll. Ist es das, was uns heute an diesem Werk in erster Linie interessieren kann? Sicher, den Maler des modernen Lebens haben Autoren wie Françoise Cachin, deren Andenken diese Schau gewidmet ist, ständig in den Vordergrund gerückt. Doch geht es bei dieser Suche nach Modernität nicht ebenso gut um die eindrucksvolle Absage an die Überzeugung, man könne dem Museum und der Geschichte durch den Blick auf das Jetzt entgehen? Der Kampf, dem man assistiert, ist aufregend.

          Religiöse Motive

          Ein Musterbeispiel für den Transfer von Stimmungen und Bedeutungen bietet das „Déjeuner sur l'herbe“. Hier steht man keineswegs allein vor der Präsentation einer Novität. Das Motiv reicht über Tizian und Marcantonio Raimondi bis in die Antike zurück und unterstreicht, dass das bukolische Glück, weil es unfassbar ist, regelmäßig neu ausstaffiert werden muss. Der Exzess, der dabei zustande kommt, lässt irgendwie an heutiges Regietheater denken. Und der Angriff Manets auf eine Konvention derangierte Gott und die Welt.

          Solche Motivwanderungen, die sich auf ihrem Weg unentwegt anders verkleiden, lassen sich in zahlreichen Bildern des Künstlers entdecken. Es kommt dem Künstler darauf an, das Gewohnte in einen möglichst großen Abstand zu rücken. Dies gilt in allererster Linie für die religiösen Motive, an die er sich wagt. Er macht sie wieder präsentabel. Sie stehen in krassem Gegensatz zu der Frömmelei einer kläubelnden, neugotischen Malerei, die unter der Restauration in Frankreich Land gewinnen konnte. All dies bleibt mit dem nihilistischen Heroismus des modernen Lebens verbunden, den Manet wiederzugeben sucht.

          Entmutigung im Museum

          Die Einzelfigur tritt in den Vordergrund, und sie erreicht ihre Monumentalität nicht zuletzt dank der Vernachlässigung narrativer Details. So gut wie alle Zwischentöne fehlen. Das lässt sich mit den Figurenbildern von Velázquez oder Goya vergleichen oder mit der Vereinfachung, zu der David in der Darstellung des ermordeten Marat, seiner säkularisierten Grablegung, greift. Es sind Bilder, die von der Isolation berichten, die die Menschen umgibt. Manet kann, und das lässt sich in der Pariser Ausstellung entdecken, als überragendes Modell für den Widerstand herhalten, der im zwanzigsten Jahrhundert wichtig werden sollte.

          Denn es sind keineswegs allein Indifferenz oder Absage an Tradition, die die Entwicklung der Kunst der letzten Jahrzehnte prägen. Auch hinter den extremen subjektiven Freiheiten, die sich Manet leistet, steckt das Wissen um Tradition und Metier. Das Modell Duchamp, das sich auf die bewusste, subtile Lähmung einer künstlerischen Energie zurückzieht, ist nur die eine Facette innerhalb der Entwicklung der jüngsten Kunst. Der Flucht in eine skeptische Sterilität, der Beschränkung auf das Konzeptuelle stand in dem Moment, da das Übergewicht der Geschichte spürbar wurde, eine andere Rettung gegenüber. Diese arbeitet mit der decouragierenden Fülle dessen, was die Museen und das Gedächtnis behüten.

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