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Malerin Jungwirth Düsseldorf : Goyas Hund und Lady Gaga

  • -Aktualisiert am

Sieht kinderleicht aus, ist aber Resultat jahrzehntelanger Schulung der Hand: Martha Jungwirths „Das Dackelpferd im Circus Busch“, 2021. Bild: Ulrich Ghezzi/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Atmosphärisch dicht auf Pappe und Papier: Die Wiener Malerin Martha Jungwirth in der Kunsthalle Düsseldorf

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          Das fällt wohl unter Wiener Schmäh: „Kommen zwei Arschlöcher zur Tür herein“ nennt Martha Jungwirth im vorigen Jahr gallig ein „Doppelporträt“. Das Bildnis mit dem deftigen Titel ist zwei Herren gewidmet, die sich unangemeldet in ihr Atelier verirrt und dort offenbar wenig galant verhalten hatten.

          Wenn es die Rache der Malerin an den unerwünschten Gästen gewesen sein soll, hätte es diese schlimmer treffen können. Gewiss, etwas hüftsteif mögen sie dastehen, vielleicht sogar ein bisschen tumb, in ihrer Erscheinung aber sind sie aufgeladen mit den gekonnten stilistischen Verkürzungen, den souveränen Abstraktionen und Übersetzungen ins Malerische, auf die sich die 1940 geborene Wienerin schon immer verstanden hat.

          Mit geraden, kompromisslosen Pinselzügen ist der Mann zur Linken gegeben, eher hektisch gestikulierend hingegen, indessen ohne Schuhwerk, im Grunde auch ohne Füße, sein Kumpan zur Rechten. Identifizierbar für den Außenstehenden sind beide nicht. Wohl aber ist es die Handschrift von Jungwirth. Zu begutachten jetzt in Düsseldorf, bei ihrem hierzulande ersten institutionellen Auftritt. Es geht dieser Künstlerin wie vielen ihrer Altersgenossinnen, die lange auf eine späte Würdigung warteten.

          Große Vorlage, hundert Jahre alt: Martha Jungwirths „Ohne Titel“ aus der Serie „Richard Gerstl, Bildnis der Schwestern Fey“, 2015.
          Große Vorlage, hundert Jahre alt: Martha Jungwirths „Ohne Titel“ aus der Serie „Richard Gerstl, Bildnis der Schwestern Fey“, 2015. : Bild: Lisa Rastl/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

          Die Farben stehen auf dem festen Papier

          Es gibt Themen, die aus dem vorigen Jahrhundert ins laufende herübergeschwappt sind und eigentlich als komplett auserzählt gelten könnten – wie das „Verhältnis von Abstraktion und Gegenständlichkeit“. Wer nun die Kunsthalle betritt, spürt es aber sofort: Die Setzungen in den winzigen bis stattlichen Formaten sind sparsam und ökonomisch, bedecken die Malflächen vor allem im riesigen „Kinosaal“ nur minimal, und doch verdichten sie die Ausstellungsräume atmosphärisch mühelos. Sie entfachen sogar eine gewisse Opulenz. Jungwirths Malstil entfaltet sich auf Papier, einem Malgrund, der farblich wie Packpapier anmutet und stets auf Leinwand kaschiert ist. Nirgends dringt die Ölfarbe in Poren ein, sie verwischt sich vielmehr auf der Fläche. Im expressiven Duktus lässt sie an die Werke der Amerikanerin Joan Mitchell und ihre Werke aus den Sechzigerjahren denken oder auch an die Akte des Düsseldorfers Jens Stittgen, der seit Jahrzehnten auf Papier malt.

          Martha Jungwirths Ausstellung bietet zahlreiche Bilder von den Achtzigerjahren bis zum heutigen Tag, die als Porträts ausgewiesen sind, sie heißen „Selbstporträt (aus der Serie Pädagogisch wertlos)“, „Richard Gerstl, Bildnis der Schwestern Frey“, „Selbstporträt mit meiner Schwester“. Doch gerade die eigentlich relevanten Ausdrucksträger des Porträts bleiben oft vage und unkenntlich, Auge und Antlitz sind, wenn überhaupt, nur zu erahnen, Hände kommen kaum vor; schon gar nicht wird die Figur von Konturen eingefasst. Von äußerer Ähnlichkeit kann eher nicht die Rede sein. Über die Charakterzüge der Dargestellten ließe sich nur spekulieren, wohl aber gibt sich unbedingt die Identität der Malerei zu erkennen. Sie ist geprägt von drangvoller Offenheit, vertraut auf den richtigen Zugriff, mutet spontan und ungestüm an und erscheint doch im Resultat am Ende immer organisiert und zielgerichtet. Wenn ein Bild von 2020 „Das Corona-Gefängnis“ getauft ist und auf einen Käfig schließen lassen kann, verbleibt auch dieser eher in Andeutungen, steht auch hier der Ausdruck von autonomer Malerei im Vordergrund. Sie komme vom Aquarell her und wolle „keinen Füllstoff“, hat Jungwirth zu verstehen gegeben. Als sie sich für Ölfarbe zu interessieren begann, wurden die Bilder massiger und dichter. Es sei ihr darum zu tun, „das Flüssige und das Kompakte der Ölfarbe miteinander zu verbinden“.

          Opulenz der Natur in leuchtendem Aquarell: Martha Jungwirths „Ohne Titel“ aus der Serie „Spittelauer Lände”, 1993.
          Opulenz der Natur in leuchtendem Aquarell: Martha Jungwirths „Ohne Titel“ aus der Serie „Spittelauer Lände”, 1993. : Bild: Lisa Rastl/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

          Das Antlitz des Ehemanns im informellen Stil

          Nur über den Titel erfahren wir von einer Bildnisserie über den Wiener Kunsthistoriker und Museumsdirektor Alfred Schmeller, dem Jungwirth in den späten Sechzigerjahren das Jawort gegeben hatte. Einmal malt sie dessen Haupt mit Wols’scher Energie. Es heißt, die Heirat mit Schmeller als einem Protagonisten der österreichischen Szene sei es gewesen, die Jungwirths Karriere lange Zeit blockiert habe. Eine solche hatte sich durchaus angebahnt, als sie, an der Seite unter anderem von Kurt „Kappa“ Kocherscheidt, die Künstlergruppe „Wirklichkeiten“ mitbegründete und 1977 zur documenta 6 eingeladen wurde. Fakt ist hingegen: Erst ein Künstlerkollege trug im Jahr 2010 maßgeblich zu einer neuen Wertschätzung für Jungwirths Werk bei: Als Albert Oehlen eine Gruppenschau mit Bildern aus der Sammlung Essl kuratierte, wurde er im Depot auf ihre Bilder aufmerksam und war davon so begeistert, dass er der Malerin als einziger in der Ausstellung „Schönes Klosterneuburg“ einen eigenen Saal widmete. Der Fingerzeig wurde von großen Institutionen wie der Wiener Albertina ebenso wahrgenommen wie von einer finanzstarken Galerie. Und nicht zuletzt der Jury des Großen Österreichischen Staatspreises, der Jungwirth 2021 verliehen wurde.

          In Düsseldorf sind auch Tierbilder ausgestellt, Jungwirth malt weitgehend abstrahierte Hunde nach Goyas „Pinturas ne­gras“, Beweggrund für die jüngsten war die Brandkatastrophe in Australien, der zahlreiche Tiere zum Opfer fielen. Die Kreaturen sind häufig nur mehr auf Spuren reduziert, die Formate könnten als Skizzen anmuten, die ins Riesenhafte vergrößert sind, aber man täusche sich nicht: Linie und Leere ergänzen sich wechselseitig. Mit einem melancholischen „Tulpenstrauß“ scheint Jungwirth einen Gruß an Cy Twombly zu richten; die Farbe des Papiergrundes spielt sie hier besonders eindrücklich aus. Zuletzt dockt sie an die jüngere Generation an, huldigt Lady Gaga in schlankem Hochformat. Überzeugender indessen sind die beiden Maja-Versionen aus dem Œuvre Goyas. Diesen Liegenden, wiederum auf sprödem, packpapiernem Grund gegeben, eignet alles, was Malerei braucht.

          Martha Jungwirth. Kunsthalle Düsseldorf; bis zum 20. November. Katalog folgt.

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