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Ausstellung im Prado : Dramatische Szenen in XXL

Eine der vielen Preziosen des Prado aus dem neunzehnten Jahrhundert: „Antes de la boda“ von Antonio Muñoz Degrain Bild: AKG

Ein Zeitalter wird besichtigt: In Madrid zeigt der Prado Kunst aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die Werke zeugen von fabelhaftem Handwerk und bieten Raum für Entdeckungen.

          4 Min.

          Die Stärke des Prado liegt in der Konzentration auf die königlichen Sammlungen, besonders aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert: Tizian, Velázquez, Rubens, El Greco. Dazu kommen exquisite Bestände der frühen Flamen Van der Weyden, Bosch und Patinir. Ach, und unendlich viel mehr! Aber das spanische neunzehnte Jahrhundert? Lange Zeit schien es allein aus Goya zu bestehen, dem Titanen. Selbst gebildeten Menschen fiel kaum ein anderer Name ein, und so spiegelte es Spaniens wichtigste Pinakothek: Während die Bestände des neunzehnten Jahrhunderts größtenteils weggeschlossen waren, strömten Touristen aus aller Welt durch die drei Etagen am Südende des Prado, in denen Goyas Ölbilder und Radierungen ausgestellt sind.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dann kam das Jahr 2007. Stolz wurde Rafael Moneos Erweiterungsbau, der dem Prado 22.000 Quadratmeter neue Fläche verschaffte, mit einer großen Ausstellung über das spanische neunzehnte Jahrhundert eingeweiht. Viele Gemälde wurden dafür aus dem Depot geholt und restauriert. 2009 erhielten Maler wie Sorolla oder Fortuny dann wieder einen festen Platz. Und jetzt, während der Pandemie, hat der Prado den Bereich für das neunzehnte Jahrhundert abermals erweitert, die Säle neu geordnet und einige Überlieferungslücken geschlossen. Vorher gab es 170 Werke des neunzehnten Jahrhunderts zu sehen, jetzt sind es gut hundert mehr, darunter mehr Ausländer, mehr Frauen, ja sogar Malerei von den Philippinen, die bis 1898 spanische Kolonie waren. Es mag schwierig sein, dem Kanon weltbekannter Maler neue Namen hinzuzufügen; aber es zeichnet den Prado aus, dass er diese oft übergangene Epoche jetzt endlich angemessen präsentiert.

          Mythisch entrückte Geschichtsszenen

          Man könnte mit dem anfangen, was sofort ins Auge springt, den hochdramatischen Szenen in riesigen Formaten: Das ist Spaniens Historienmalerei, ein Genre, das im öffentlichen Bewusstsein kaum noch vorhanden war, ja nach grauester Vorzeit riecht: heroisierend, romantisierend, ideologisch unkorrekt. Goyas Genie hat hier in der internationalen Wahrnehmung alles andere verdrängt und mit der „Erschießung der Aufständischen“, aber auch dem Radierzyklus der „Desastres de la guerra“ den Gipfel in der Darstellung von Krieg und Vernichtung erreicht. Man sollte sich aber auch an Antonio Gisbert erinnern. Im Jahr 1886 gab der Staat bei ihm das Gemälde „Die Erschießung von Torrijos und seinen Kameraden am Strand von Málaga“ in Auftrag, um den Werten des Liberalismus ein Denkmal zu setzen, und Gisbert schuf eine glänzende Komposition von beträchtlicher emotionaler Wucht.

          Antonio Gisbert, „Die Erschießung von Torrijos und seinen Kameraden am Strand von Málaga“, 1888
          Antonio Gisbert, „Die Erschießung von Torrijos und seinen Kameraden am Strand von Málaga“, 1888 : Bild: Prado

          General Torrijos hatte sich mehrmals gegen den absolutistischen König Ferdinand VII. erhoben und landete 1831 von seinem englischen Exil aus noch einmal in Spanien. Nachdem er verraten und festgenommen worden war, stand er mit seinen Kameraden am Strand dem Erschießungskommando gegenüber. Gisbert zeigt einen gefassten, noblen Anführer, der die repressive Staatsmacht verachtet und in Gedanken schon in der Nachwelt ist – fast bei uns, seinen Betrachtern. Manche seiner Kameraden sind resigniert, andere trotzig, und der elende graue Tag am Strand von Málaga scheint wirklich nur gut zum Sterben zu sein. Gisbert war Prado-Direktor, als 1868 die königlichen Sammlungen in die Verwaltung des Staates übergingen.

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