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Kanadische Malerei : Lebt hier denn wirklich keiner?

Zum Beispiel „Klee Wyck – die, die lacht“ von Emily Carr (Verlag das kulturelle Gedächtnis), ein Band mit Geschichten, die zumeist von Mitgliedern der First Nations an der kanadischen Westküste handeln. Carr, die eigentlich als Malerin bekannt wurde, ist in der Ausstellung der Schirn eine eigene Abteilung gewidmet, die ihr literarisches Schaffen spiegelt. Ihre Bilder aus Siedlungen wie Blunden Harbour in British Columbia, gemalt um 1930, zeigen mit wuchtigen Linien dargestellte Holzskulpturen der First Nations vor leergefegten Hintergründen, in denen die kantigen Formen der Gesichter dem Untergang dieser Welt zu trotzen scheinen. Denn dass sie eine bis ins Mark erschütterte und bedrohte Gemeinschaft besuchte, wusste Carr natürlich, und gleich drei Filme, entstanden im Abstand von mehreren Jahrzehnten, werden in der Ausstellung in offenen Kabinen gezeigt, um davon zu berichten und dem einflussreichen Mythos vom menschenleeren Land eine andere Perspektive entgegenzuhalten. Am eindrucksvollsten von ihnen ist der Dokumentarfilm „How a People live“ von Lisa Jackson, der eine heutige Dorfgemeinschaft, deren einstige Mitglieder 1964 gewaltsam umgesiedelt worden waren und die sich nun mit dem Boot aufmachen, die alte Stelle wieder zu besuchen.

Die Filme beantworten die Frage, was denn nun eigentlich mit den Menschen sei, die sich beim Betrachten der Bilder immer dringender stellt. Dabei geraten deren Spuren durchaus in den Blick, vor allem in zwei Abteilungen dieser insgesamt etwas über hundert Bilder umfassenden Ausstellung, die sich dem Holzeinschlag und der industrialisierten Landschaft widmen. Das einzige Porträt der Ausstellung, Edwin Holgates „The Lumberjack“ von 1924, zeigt einen Flößer mit verschattetem Gesicht, dem die mächtige Stange in seinen Händen und die Holzstämme im Hintergrund beinahe die Schau stehlen. Wie der Mensch die Landschaft formt, wird besonders deutlich in zwei Bildern Franklin Carmichaels aus den Jahren 1928 und 1930, in der sich die glatten Hänge der Abraumhalden mit ihrer Struktur in den Wolken zu spiegeln scheinen. Oder in „Miner’s Houses, Glace Bay“ von Lawren Harris (um 1925), das die Häuser der Minenarbeiter wie Grabsteine in einer nackten Hügellandschaft aufreiht.

Dass kein einheitlicher Stil die Mitglieder der 1920 gegründeten, legendären Malervereinigung „Group of Seven“ verbindet, wird rasch deutlich. Aber auch, dass die meisten von ihnen sich von dem in Kanada besonders fruchtbaren und 2019 in München ausgestellten Spätimpressionismus (F.A.Z. vom 12. August 2019) zugunsten von unterschiedlichen Graden der Abstraktion abwenden.

Ob Tom Thomson, der mit einigen der späteren Gruppenmitgliedern befreundet war, da mitgemacht hätte? Dass sein Werk von den hier ausgestellten, später entstandenen Bildern der anderen Maler durch Modernität erdrückt würde, kann man nicht sagen. Im Gegenteil, allein die zwanzig Ölskizzen, die für diese Ausstellung von ihren bisherigen Rahmen befreit und in schlichtes Holz gefasst worden sind, wirken in der Verbindung von Akkuratesse und Spielfreude derart lebendig, dass man von der ihnen gewidmeten Abteilung der Ausstellung kaum loskommt. Thomson erlebt die Landschaft durch alle Jahreszeiten und Witterungen, er nimmt den Wald, die Gewässer, die Himmelsfarben und den Lichteinfall wach auf, um ihnen seine eigene Handschrift zu verleihen. Er stellt die Birken filigran auf den Waldboden, als könnten sie gleich davonwehen, feiert den nächtlichen Widerschein zweier Elche im glitzernden Wasserlauf und schickt prächtig düstere Wolkenfetzen übers Land. Und am Ende der Ausstellung, vor Thomsons sinnenverwirrenden Nordlichtern, trauert man um jeden Tag, an dem diese so weit gereisten Ikonen kanadischer Kunst hinter verschlossenen Türen auf die Besucher warten müssen.

Magnetic North. Mythos Kanada in der Malerei 1910-1940. Schirn, Frankfurt, bis 16. Mai. Der Katalog kostet im Museum 35 Euro, im Buchhandel 49 Euro.

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