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Humboldt-Forum in Berlin : Ein Nationalschatz für Deutschland

Hart errungener Glücksfall: Neil MacGregor gibt sein Amt als Direktor des Britischen Museums auf, um künftig einen Teil seiner Zeit dem Aufbau des Humboldt-Forums zu widmen.

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          LONDON, 8. April. Das beharrliche deutsche Buhlen um Neil MacGregor hat sich ausgezahlt, wenn auch nicht ganz so, wie es sich viele in Berlin gewünscht haben. Wie am Mittwoch in London und Berlin bekanntgegeben wurde, wird MacGregor im Dezember nach dreizehn Jahren die Direktion des Britischen Museums abgeben, um unter anderem eine Kommission zu leiten, die bis zum Frühjahr 2017 definieren soll, welche strukturelle und konzeptionelle Gestalt das Humboldt-Forum in Berlin annehmen wird. Nicht nur die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, sondern auch die Bundeskanzlerin, die sich mit einem Gespräch unter vier Augen sogar persönlich einsetzte, hatten aber gehofft, den ebenso beredten wie versierten Vertreter der Idee menschlicher Universalien als Intendanten fürs Humboldt-Forum zu gewinnen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Mit seiner Affinität zu Deutschland, dem Blick für große Zusammenhänge und seiner Fähigkeit zu klaren Erzählungen wäre wohl niemand besser befähigt, der Vorstellung einer Begegnungsstätte der Weltkulturen im Zentrum von Berlin konkrete Form zu geben, als der Direktor des Britischen Museums, das, zumal unter MacGregors Führung, ebendiese Vision des humboldtschen Bildungsideals verkörpert. Der exponierte Intendantenposten war aber für den 68 Jahre alten Schotten wohl nicht zuletzt in Hinblick auf zu erwartende Zuständigkeitskonflikte ein doch zu heißes Eisen. Stattdessen wird er, befreit von unliebsamen administrativen Verantwortungen, einem Beirat vorstehen, der seine Arbeit im Oktober aufnimmt.

          Diese „Gründungsintendanz“ – MacGregor selbst spricht lieber von einem Beratungsgremium – wird auch Fachleute aus den Herkunftsländern der im Humboldt-Forum vertretenen Kulturen heranziehen. Zu ihnen hat MacGregor, der sich ohne jeden Dünkel, beflügelt von einer altmodischen Auffassung vom Dienst an der Öffentlichkeit, auch als Kulturdiplomat versteht, beste Verbindungen geknüpft.

          MacGregor unterband das Gejammere in London

          Eines seiner wichtigsten Vermächtnisse am Britischen Museum ist denn auch die Etablierung eines globalen Netzwerks von Kuratoren. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass der Zusammenhalt der museumswissenschaftlichen Gemeinschaft gerade dann vonnöten ist, wenn politische Spannungen den Dialog erschweren. So war MacGregor 2003 federführend bei der Koordination der internationalen musealen Bemühungen zum Schutz des durch den Golfkrieg bedrohten Kulturerbes im Irak. Beispielhaft für seine Auffassung, dass kulturelle Freundschaften politische Zerwürfnisse überbrücken müssen, war 2010, als die Beziehungen zwischen London und der Regierung Irans auf einem Tiefpunkt standen, die Leihgabe eines altpersischen Kyros-Zylinders ans Nationalmuseum in Teheran. MacGregor verknüpfte die Entsendung dieser frühsten Proklamation von Toleranz gegenüber anderen Völkern und Glaubensgemeinschaften mit der Hoffnung, dass der Ruf der weisen Stimme auf „diesem stummen und zerbrochenen Stück Ton“ im heute durch Religionskonflikte erschütterten Nahen Osten erhört werde. Von ähnlich aufgeklärten Gedanken getragen war jüngst die mitten in die Ukraine-Krise fallende Leihgabe des Flussgottes vom Parthenonfries ans Eremitage-Museum in St.Petersburg.

          Als MacGregor 2002, nach fünfzehn Jahren an der National Gallery, die Leitung des Britischen Museums übernahm, herrschte dort Trübsinn. Die Institution schrieb rote Zahlen, zahlreiche Galerien mussten geschlossen bleiben. MacGregors erste diplomatische Tat war, das Gejammer zu unterbinden. Seitdem hat seine Vorstellung vom „Weltmuseum in einer Weltstadt“ dazu beigetragen, dass die jährlichen Besucherzahlen von 4,6 auf 6,7 Millionen gestiegen sind. Mit einem Anbau hat das Museum im vergangenen Jahr dringend benötigte Ausstellungs- und Konservierungsräume erhalten, die seine führende Rolle in der internationalen Museumsgemeinschaft festigen. Auf die siebzig zugehend, will MacGregor nun die nächste Phase der Entwicklung, die unter anderem ein Konzept für die künftige Nutzung des alten Lesesaals der British Library erfordert, in andere Hände übergeben.

          Er selbst wird neben dem Humboldt-Forum auch das sich in den letzten Jahren als eines der führenden Museen Indiens profilierende Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya in Bombay beraten und in einer neuen Hörfunkserie über „Glaube und Gesellschaft“ für die BBC Fragen nachgehen, die ihm am Herzen liegen. Als Neil MacGregor die Ehrendoktorwürde in Oxford erhielt, pries ihn der Laudator als „thesaurarium summum, thesaurum ipsum“, was für Nichtlateiner mit „Hüter der nationalen Schätze und selbst ein nationaler Schatz“ übersetzt wurde. Das Britische Museum wird sich schwertun, einen Nachfolger zu finden, der die Außendarstellung der Institution so wirkungsvoll vermittelt, wie es MacGregor tat.

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