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Warhols Ultra Violet tot : Lust, Gift, Lippenstift

Sie war Dalís Schülerin und wurde Warhols Superstar: Isabelle Collin Dufresne, die vieldeutigste und sinnlichste Muse in Warhols „Factory“, ist im Alter von achtundsiebzig Jahren in New York gestorben.

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          Das sexy Kostüm sieht sehr eigenwillig aus – es zeigt zwar atmende Haut, aber die wird nicht kokett feilgeboten, sondern behauptet Bewegungsfreiheit und heitere Arroganz: Als hätte sich Kleopatra nicht entscheiden können, ob sie auf Cäsars Faschingsfest lieber als Bauchtänzerin oder als Motorradrockerbraut erscheinen will. Okay, beides.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          So präsentierte sich die Mittdreißigerin Isabelle Collin Dufresne 1971 in einem der abstrusesten erotischen Filme, die je gedreht wurden – Nelson Lyons „The Telephone Book“. Madame Dufresne, die man seit 1964 als „Ultra Violet“ kannte, weil sie sich damals von Andy Warhol dazu hatte ermutigen lassen, den Superlativ ihrer Lieblingshaarfarbe als Nom de Crazy zu wählen, hat bei Lyons eine winzige Nebenrolle, in der sie eine klapperschlangenartige Nietzsche-Peitsche strammzieht und zwischendurch hochnäsig in die Gegend spuckt, während um sie her allerlei Unbekleidetes passiert (der Film handelt von der Liaison zwischen einer neugierigen Schönheit und einem Virtuosen des unanständigen Telefonierens).

          Fünfzehn Minuten Ruhm

          Laszive Kunst, egal, ob sie gut, schlecht oder jenseits von oben und unten ist, erreicht ihre eindrucksvollsten Momente bekanntlich immer dann, wenn sinnliche Verwirrung und strenger Gestaltungswille einander im künstlerischen Zerrspiegel als Extremgeschwister erkennen und einen Kuss riskieren. So gehört denn auch die erste Phase des sexy Avantgarde-Kinos, in der es von Jean Cocteau bis Maya Deren hauptsächlich um visuelle Lyrik und surreale Entrückung ging, als sinnliche Hälfte ein und derselben Idee untrennbar zur zweiten Phase von Andy Warhol bis Peter Kubelka, in der Minimalismus und Abstraktion vorherrschten.

          Die kühle, von leicht spöttischem Desinteresse an der lüsternen Strahlung, die sie freisetzte, immer ein bisschen ins Ironische hinüber modulierte Schönheit der Ultra Violet verband beide Phasen miteinander – der ersten, europäisch-surrealistischen, war sie als zeitweilige Schülerin Salvador Dalís verpflichtet, der zweiten, amerikanisch-formalistischen, stellte sie sich als einer der „Superstars“ zur Verfügung, die Warhol erschuf, während sie umgekehrt auch ihn mit erschufen.

          Ultra Violet war die vieldeutigste von ihnen – diese besondere Venus im harten Scheinwerferlicht schien nicht der Meeresgischt ozeanisch weiter Kunstansprüche entstiegen, sondern dem blubbernden Sumpf vorweltlicher Mystik.

          Ihre Eltern hatten sie in striktem Glauben an Sünde und Erlösung erzogen, auch eine Teufelaustreibung musste sie als junge Frau über sich ergehen lassen. In späteren Jahren stieß sie auf der Suche nach dem spirituellen Heil zu den Mormonen. Ein Tonfall, den man „abgeklärte Beichte“ nennen darf, prägt ihre Erinnerungen „Famous for 15 Minutes“, die 1988, ein Jahr nach Warhols Tod, erschienen. Die Peitsche, die sie und ihre Generation Nietzsche weggenommen haben, dürfte in irgendeiner Requisitentruhe längst zu Staub zerfallen sein. Am Samstag ist Isabelle Dufresne im Alter von achtundsiebzig Jahren in New York gestorben.

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