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Cranach und Kemmer in Lübeck : Ein Maler für alle Fälle

Zweitausendmal Erfolg, trotzdem anonym: Lübeck stellt den bisher fast unbekannten Cranach-Schüler Hans Kemmer als eigenständigen Maler vor.

          5 Min.

          Wenn das St. Annen-Museum in Lübeck derzeit zur Besichtigung fast des gesamten Œuvres von Hans Kemmer einlädt, zucken die meisten vermutlich mit den Schultern und halten diesen für einen zeitgenössischen Lübecker Maler. Und doch kennt jeder von uns mindestens einen Kemmer – das Bildnis Martin Luthers nämlich. Oder charakteristische Reformationsbilder wie „Gesetz und Gnade“. Denn de facto waren es Maler wie Kemmer, die wesentlich zum Ruhm der bestgeführten Malerwerkstatt Deutschlands beigetragen haben, ebenjener von Lucas Cranach, der sich die sagenhafte Zahl von weit über zweitausend Bildern aus der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts verdankt.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Es bleibt ein Paradox: Während bei Dürer alle fünf Meisterschüler bekannt sind, kannte man von Cranachs Arbeitsameisen von sage und schreibe elf Mitarbeitern bis vor einigen Jahren kaum einen mit Namen und Werk. Der Erfolg der straff organisierten Werkstatt bedeutete eben auch, dass alle in ihr hinter dem Markennamen „Cranach“ zurücktraten. Als der 1495 in Lübeck geborene Kemmer nach langen anonymen Jahren unter eigenem Familiennamen mit seiner Werkstatt in Lübeck reüssierte, gut verkaufte und selbst nach dem verinnerlichten Vorbild seines Meisters in Wittenberg ausbildete, hatte er zwar in Norddeutschland einen Namen, versank aber ironischerweise alsbald nach seinem Tod wieder in der Vergessenheit, da er nach Austritt aus der Cranach-Werkstatt ja nicht mehr mit diesem deutschlandweit strahlenden Namen verbunden war.

          Der Wein ist schon kaltgestellt

          Der als eines der Hauptstücke der Schau stolz gezeigte Neuankauf, ein nur zwölf Zentimeter im Durchmesser großes Medaillonbildnis Luthers von 1525, wird zwar von Cranachs eigener Hand sein, weil der Malerfreund des Reformators in diesem Jahr dessen und seiner Frau Katharina von Bora Trauzeuge war; andere der großen Schar an Luther- und Melanchthon-Bildnissen, die bis heute protestantische Pfarrstuben und Kirchen „behüten“, könnten noch von Kemmer stammen – verdiente der Bildnisprofi doch auch seit der Lübecker Selbständigkeit sein Geld vor allem mit Porträtaufträgen. Vorrangig aber ist das nahe dem Luther-Tondo hängende Bild „Die Liebesgabe“, 1529 schon in Lübeck gemalt, ein Hauptwerk Kemmers, das sich mit den besten Werken seines Meisters mühelos messen kann.

          Besagtes Paar hält Verlobungspicknick in einer bis ins kleinste Blatt ausgearbeiteten Landschaft, für die Cranach und Kemmer gleichermaßen gerühmt und gefragt waren; auch der Wein ist in einer Zinnflasche im Bach schon kaltgestellt. Das große Bild zeigt wie im Brennspiegel den Epochenwandel: Es handelt sich zwar bei Johann Wigerinck und Agneta Kerckring um die wohlhabenden Sprösse Lübecker Kaufmannsfamilien, doch steht nicht mehr die Repräsentation in einem städtischen Kontext, vielmehr die Liebesheirat zweier Individuen buchstäblich im Vordergrund des nah an den Betrachter herangezoomten Geschehens in Naturabgeschiedenheit.

          Ein freundlich anteilnehmendes Pferd

          Zieht man zwei Diagonalen durch das Bild, liegt exakt im Schnittpunkt der funkelnde Rubinring, den Johann soeben Agneta überreicht, was bei zwei Familien mit jeweils „Ring“ im Namen wohl kein Zufall ist. Johann Wigerinck trägt ebenso einen tiefroten Samtmantel und breitkrempigen Hut mit Rubinrot darin wie Agneta Kerckring ein hellrotes Kleid und einen weiß-roten Blütenkranz aus Nelken und Gänseblümchen in der Hand – eigentlich beides Symbole für die Freuden und Schmerzen Mariens, hier zeitgenössisch umgedeutet für Liebe und Jungfräulichkeit stehend.

          Das freundlich an der Verlobungsszene anteilnehmende Pferd daneben ist ein direktes Zitat aus Cranachs berühmten „Parisurteil“, in dem dieser den Apfel der Aphrodite übergibt, die ihm dafür die schöne Helena verspricht – und die heißt in Lübeck natürlich Agneta. Solchen mittelschwer zu entschlüsselnden Anspielungsreichtum konnte Kemmer in Cranachs quasi täglich von zu porträtierenden Humanisten heimgesuchten Wittenberger Studio erlernen; er baut ihn noch aus und verfeinert seine Bilder so zu Konversationsstücken der gebildeten Lübecker Oberschicht.

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