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Lorenzo Lotto in Rom : Ein Genie muss dran glauben

  • -Aktualisiert am

Alles redet bei Renaissance-Malerei von Tizian und Raffael. Vergessen wird Lorenzo Lotto, der trotz eines tristen Lebensschicksals eine vibrierende Kunst schuf. Höchste Zeit für eine Würdigung.

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          Gibt es Künstler, die ein Leben lang Pechvögel bleiben? Die zur falschen Zeit am verkehrten Platz wirken? Bei Lorenzo Lotto hat die Geschichtsschreibung dergleichen immer vermutet. Denn es gibt - sehen wir von Nervenkranken wie Rosso Fiorentino ab - wohl kaum einen anderen genialen Maler der italienischen Renaissance, der bei ähnlicher Einfallskraft und Produktivität zu Lebzeiten vergleichbar erfolglos geblieben wäre.

          Heute, erst recht nach Bernard Berensons kunsthistorischer Pionierarbeit, fasziniert uns gerade das Ruhelose, Suchende, Unbalancierte in den Werken eines Meisters, der direkt mit in sich ruhenden Klassikern wie Raffael, Michelangelo, Tizian in Verbindung stand. Die Lotto-Schau in den Scuderie del Quirinale ist - anderthalb Jahrzehnte nach der großen Retrospektive in Bergamo - längst nicht der erste gelungene Versuch, Lotto unter die großen Künstler des Cinquecento einzureihen. Sein Rang ist längst unstrittig. Und doch ist es immer wieder lohnend und ergreifend, das triste Schicksal dieses Künstlers mit seiner vibrierenden, vergeistigten Kunst abzugleichen.

          Das Merkwürdigste an Lottos Kunst frappiert die Betrachter in den großen, für Riesenaltäre wie geschaffenen Pferdeställen der Scuderie gleich zu Beginn: Schon der ganz junge Künstler, ob er nun beim mediokren Vivarini oder beim großartigen Bellini in die venezianische Lehre gegangen sein mag, ist zu vollkommenen Bilderfindungen nervöser, skeptischer, geradezu irrwitziger Individuen fähig. Sein Polyptichon zu Ehren von San Domenico aus Recanati ist auf den ersten Blick ganz als Sacra Conversazione im venezianischen Stil gehalten: erhabene Heiligenfiguren in antikisierender Kulisse wie kopiert bei Bellini, Ausblicke auf saftige Voralpenlandschaft wie bei Cima da Conegliano. Doch bei näherem Hinsehen erweist sich eine dominikanische Symbolfigur wie Thomas von Aquin für Lotto keineswegs als feist selbstsicherer Scholastiker, sondern als fahler Fanatiker, der sich mit angstmachenden Riesenbratzen an seine Bibel krallt. Paradieskollegen wie Bischof Flavianus oder Sigismund sind untote, mit Juwelen behängte Zombies, während pummlige Putti amüsiert auf diese Jenseitigen blicken und sich nicht beim Klampfen auf der Laute stören lassen.

          Oder gab er nichts auf Karriere und Ruhm?

          Dieses genau austarierte Ungleichgewicht zwischen arkadischer Harmonie und vulkanischen Brüchen passt ausnehmend zur Schaffenszeit des Künstlers. Die frühe Reformationszeit des sechzehnten Jahrhunderts mit den lutherischen Religionskriegen und der in Italien wütenden Inquisition hat auch in Lottos Leben Spuren hinterlassen: In Trescorre bei Bergamo feiert er in einem Fresko den Triumph des Katholizismus über den kruden deutschen Mönch Martin; doch 1540 vermerkt Lotto in seinem Rechnungsbuch die Ablieferung eines Lutherbildes, um dann nach einem ruhelosen Leben mit über siebzig als Oblatenbruder im päpstlichen Loreto ein Armutsgelübde abzulegen. Neben den erfolglosen Versuchen, sich in Provinzorten wie Treviso, Ancona oder Bergamo ein Leben aufzubauen, neben der öffentlichen Schmähung des Malers durch den Tiziankreis um den Pornographen Pietro Aretino passt das Pendeln zwischen Papst und Luther verdächtig gut zur mäandernden Biographie. Ein Rosso, der einen Christophorus als dräuenden Riesenkoloss in Dorfkirchen hängt, der eine verängstigte Katze zur Hauptfigur einer Verkündigung macht oder den Wüstenheiligen Onofrius als bemoosten, irren Brunnengott darstellt, dürfte mit der orthodoxen Theologie der Mächtigen in der Tat Probleme gehabt haben.

          In dieser Perspektive wird uns Lotto zu einer Figur, die auch in Marguerite Yourcenars Reformationsroman „Die schwarze Flamme“ einen Platz verdient hätte, irgendwo zwischen Alchimisten und Wiedertäufern, Astrologen und Neoplatonikern, dekadenten Kardinälen und reformatorischen Bußpredigern. Das Problem: Wir können das - vielleicht aus schwarzromantischer Sehnsucht - höchstens erahnen. Vorderhand bekam der fleißige Malermeister Lorenzo immer wieder ehrenvolle Aufträge von der Kirche, gerade von linientreuen Inquisitoren der Dominikaner. Und wenn er ab den fünfzehnhundertdreißiger Jahren seine Bilder nicht verkauft bekam, wenn er - anders als der weniger begabte Sebastiano del Piombo - auch nach Raffaels Tod am Papsthof kein Bein an die Erde kriegte, wenn er die Vaterstadt Venedig erfolglos und pleite gegen die gerade vom Papst blutig befriedeten Marken tauschen musste, dann kann das schlicht daran gelegen haben, dass Sammler die schillernden Farben, die widersprüchlichen Personen und die ungewohnten Blickwinkel nicht schätzten. War Lorenzo Lotto deswegen ein Pechvogel? Oder gab er nichts auf Karriere und Ruhm?

          Unauslotbare Psychogramme

          Wie intellektuell brillant der scheue Lotto indes gewesen sein muss, verdeutlicht die grandiose Folge seiner in Rom präsenten Porträts. Da ist das irritierende Dreierbildnis des Goldschmieds Carpan (aus Wien) oder die unbequeme Studie eines Kaufmanns, dem über der doppelten Buchführung eine Eidechse frech ins coole Antlitz starrt (aus Venedig). Solche Geniestreiche leben von der Verunsicherung, welche die Positur auch im Betrachter hinterlässt. Ein großkotziger Aristokrat mit flottem Barett (aus Ohio) weist auf seiner Blumenterrasse mit Befehlsgeste - ins leere Nichts. Ein behäbiger Handelsmann (aus Rom) hat gerade eine Handvoll Rosenblüten über einem Miniaturschädel zerrupft. Ein Chirurg (aus Philadelphia) klammert sich mit Operationsbesteck an sein verängstigtes Söhnchen. Ein Bettelmönch (aus Treviso) lässt sich Besitzerstolz mit Wechselbriefen, Goldmünzen und Safeschlüsseln konterfeien. Ein gepflegter, etwas müder Mittvierziger (aus Ottawa) blickt uns demütig in simpler Pilgertracht entgegen, als wolle er gerade per Sänfte nach Compostela aufbrechen.

          Man steht gebannt vor solchen unauslotbaren Psychogrammen, in denen uns die vibrierende, explosive Zeit von Luther und Karl V. Fleisch geworden scheint. Doch Luther hatte seinen Cranach, und der spanische Kaiser zog Tizian vor. Lotto blieben die Komparsen seiner Zeit. Er selbst war vielleicht nicht so sehr ein Pechvogel, sondern ein Künstler der historischen Nische, aus der heraus sich viele Entwicklungen genauer beobachten lassen als im grellen Rampenlicht. So kühl und heißen Herzens zugleich hat uns Lotto den Kunstsammler Andrea Odoni (aus der Kunstsammlung der britischen Königin) überliefert: Protzig und massig scheint der junge Schnösel gerade eine antike Artemisfigur zu zerquetschen, während ihn allseits seine marmornen Ankäufe von Götter- und Heldentorsi umzingeln. Wie bei einem Gewitterhimmel chargieren die Vorhänge und Tischdecken in Rotgrau und Grün und Blau.

          Und wir wissen plötzlich nicht mehr, was wir sehen. Der Stein der Statuen atmet, das Fleisch des Menschen ist mausetot wie sein umgehängter Luchspelz. Wenn es einen Glauben gibt, der solche Transformationen bewerkstelligt, ist dies die wahre Religion des Lorenzo Lotto: Malerei.

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