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Lorenzo Lotto in Rom : Ein Genie muss dran glauben

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In dieser Perspektive wird uns Lotto zu einer Figur, die auch in Marguerite Yourcenars Reformationsroman „Die schwarze Flamme“ einen Platz verdient hätte, irgendwo zwischen Alchimisten und Wiedertäufern, Astrologen und Neoplatonikern, dekadenten Kardinälen und reformatorischen Bußpredigern. Das Problem: Wir können das - vielleicht aus schwarzromantischer Sehnsucht - höchstens erahnen. Vorderhand bekam der fleißige Malermeister Lorenzo immer wieder ehrenvolle Aufträge von der Kirche, gerade von linientreuen Inquisitoren der Dominikaner. Und wenn er ab den fünfzehnhundertdreißiger Jahren seine Bilder nicht verkauft bekam, wenn er - anders als der weniger begabte Sebastiano del Piombo - auch nach Raffaels Tod am Papsthof kein Bein an die Erde kriegte, wenn er die Vaterstadt Venedig erfolglos und pleite gegen die gerade vom Papst blutig befriedeten Marken tauschen musste, dann kann das schlicht daran gelegen haben, dass Sammler die schillernden Farben, die widersprüchlichen Personen und die ungewohnten Blickwinkel nicht schätzten. War Lorenzo Lotto deswegen ein Pechvogel? Oder gab er nichts auf Karriere und Ruhm?

Unauslotbare Psychogramme

Wie intellektuell brillant der scheue Lotto indes gewesen sein muss, verdeutlicht die grandiose Folge seiner in Rom präsenten Porträts. Da ist das irritierende Dreierbildnis des Goldschmieds Carpan (aus Wien) oder die unbequeme Studie eines Kaufmanns, dem über der doppelten Buchführung eine Eidechse frech ins coole Antlitz starrt (aus Venedig). Solche Geniestreiche leben von der Verunsicherung, welche die Positur auch im Betrachter hinterlässt. Ein großkotziger Aristokrat mit flottem Barett (aus Ohio) weist auf seiner Blumenterrasse mit Befehlsgeste - ins leere Nichts. Ein behäbiger Handelsmann (aus Rom) hat gerade eine Handvoll Rosenblüten über einem Miniaturschädel zerrupft. Ein Chirurg (aus Philadelphia) klammert sich mit Operationsbesteck an sein verängstigtes Söhnchen. Ein Bettelmönch (aus Treviso) lässt sich Besitzerstolz mit Wechselbriefen, Goldmünzen und Safeschlüsseln konterfeien. Ein gepflegter, etwas müder Mittvierziger (aus Ottawa) blickt uns demütig in simpler Pilgertracht entgegen, als wolle er gerade per Sänfte nach Compostela aufbrechen.

Man steht gebannt vor solchen unauslotbaren Psychogrammen, in denen uns die vibrierende, explosive Zeit von Luther und Karl V. Fleisch geworden scheint. Doch Luther hatte seinen Cranach, und der spanische Kaiser zog Tizian vor. Lotto blieben die Komparsen seiner Zeit. Er selbst war vielleicht nicht so sehr ein Pechvogel, sondern ein Künstler der historischen Nische, aus der heraus sich viele Entwicklungen genauer beobachten lassen als im grellen Rampenlicht. So kühl und heißen Herzens zugleich hat uns Lotto den Kunstsammler Andrea Odoni (aus der Kunstsammlung der britischen Königin) überliefert: Protzig und massig scheint der junge Schnösel gerade eine antike Artemisfigur zu zerquetschen, während ihn allseits seine marmornen Ankäufe von Götter- und Heldentorsi umzingeln. Wie bei einem Gewitterhimmel chargieren die Vorhänge und Tischdecken in Rotgrau und Grün und Blau.

Und wir wissen plötzlich nicht mehr, was wir sehen. Der Stein der Statuen atmet, das Fleisch des Menschen ist mausetot wie sein umgehängter Luchspelz. Wenn es einen Glauben gibt, der solche Transformationen bewerkstelligt, ist dies die wahre Religion des Lorenzo Lotto: Malerei.

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