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Lord Norman Foster : Auf dem Dach der Welt

  • -Aktualisiert am

Wer heute als Bauherr auf sich hält, will einen Foster. Einhundertfünfzig Projekte in zweiundzwanzig Ländern beschäftigen Lord Norman Foster derzeit. An diesem Mittwoch wird der Stararchitekt siebzig.

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          Es hat mehr als einhundertfünfzig Jahre gedauert, bis die deutsche Demokratie ihr architektonisches Symbol fand.

          Was weder 1848 die historische Paulskirche noch 1948 die wieder aufgebaute schaffte, was dem Berliner Reichstag von Paul Wallot sowenig wie Hans Schwipperts Bonner Bundeshaus gelang und erst recht nicht dem Staatsratsgebäude der DDR oder ihrem Palast der Republik, glückte Norman Foster 1999 mit seiner Parlamentskuppel in Berlin auf Anhieb: Jeder kennt das futuristisch leichte gläserne Gebilde, das auf dem schweren steinernen Rumpf schwebt wie ein Nimbus, und sechs Jahre nach der Eröffnung warten noch immer täglich Besucherschlangen darauf, auf der inneren Spirale hinauf in den Himmel über Berlin und über den Köpfen der Bundestagsabgeordneten zu steigen.

          Der Oscar der Architekten

          1999 war ein Glücksjahr des Architekten: Ihm wurde der Pritzker-Preis, der Oscar für Architekten, verliehen, er erhielt mit dem Bau des Bostoner Museum of Fine Arts den ersten Großauftrag in den Vereinigten Staaten, und Englands Queen ernannte ihn zum Lord. Der Umbau des Reichstags dürfte einiges zu dieser Ehrenhäufung beigetragen haben - und dabei ist die berühmte Kuppel nicht originärer Foster, sondern eine ihm auferlegte Übernahme aus dem 1993 zweitprämierten Entwurf Santiago Calatravas.

          Der von Norman Foster hatte gänzlich anders ausgesehen - ein gigantischer Baldachin sollte den plötzlich winzig wirkenden pompösen Reichstag überdecken, um den herum ein Erdwall den Bürosockel für Abgeordnete gebildet hätte. Nach fünf Jahren Umplanung kam heraus, was heute zu aller Zufriedenheit der neue Reichstag heißt. Und Lord Norman Foster, der zuvor so Gefügige, gibt sich nun beinhart: Kein Jota seines Werks darf verändert werden, nichts die asketische Sachlichkeit seines Innenausbaus stören, andernfalls drohen Prozesse.

          Das weltgrößte Dach

          Kein Baldachin also - doch die Dächer haben den Architekten nicht losgelassen, sowenig wie die Superlative. Derzeit baut Lord Norman Foster in Peking den größten Flughafen der Welt mit - selbstverständlich - dem weltgrößten Dach. Rot soll es werden, zeichenhaft und kühn. Mit gleichem Enthusiasmus, aber von den Auftraggebern skeptisch beäugt, plant er in Hongkong - wo er 1998 den zuvor weltgrößten Flughafen baute - einen riesigen Stadtteil, der gänzlich überdacht werden soll.

          Das neue Wembley-Stadion, das dann größte Englands, soll ein ausfahrbares Dach erhalten, und das Autobahnviadukt in der Nähe des südfranzösischen Millau (siehe auch: Die höchste Autobahnbrücke der Welt wird eröffnet) ist zwar dachlos, aber mit seinen filigran mondän wirkenden und doch herkulischen Stahltrossen natürlich die höchste Brücke der Welt. Mit diesen hybriden Capricen entschädigt sich Lord Norman Foster für die ermüdenden Dauerorgien in Licht- oder Anthrazitgrau, die, von seinem Architekturkonzern (650 Mitarbeiter weltweit, Stammsitz in London) wie vom Fließband produziert, Fosters Bauten in aller Welt so zuverlässig prägen wie das Prädikat, Meisterwerke der High-Tech- und neuerdings auch Öko-Architektur zu sein.

          Rausschmeißer in der Disco

          Wer heute als Bauherr auf sich hält, will einen Foster. Am heftigsten in Großbritannien, wo man ihn lange ignorierte, ehe er 1975 mit dem spiegelglashäutigen Firmengebäude für Willis, Faber & Dumas seinen Durchbruch erlebte. Wen das betont zurückhaltende, nobel leise Auftreten des Architekten glauben macht, er müsse damals ein stiller Dulder gewesen sein, der irrt: Durchsetzungsvermögen trainierte er in jungen Jahren als Rausschmeißer einer Disco in London und bei der Royal Airforce.

          Letzteres hat ihn nicht so sehr geprägt wie einen Frei Otto, dessen Flugdächer aus den Träumen des ehemaligen passionierten Segelfliegers hervorgingen. Aber die Kraft und Dynamik vor allem der Hochhäuser Lord Fosters, die obsessive Vorliebe für Cockpit-Ästhetik und Askese rühren gewiß von dorther. So schenkte er, nach einer kurzen Zusammenarbeit mit Richard Rogers, im Jahr 1979 Hongkong mit der brutaltechnoiden Hongkong & Shanghai Bank ein Wahrzeichen, und im Jahr 1997 gab er Frankfurt am Main mit dem computergrau flirrenden, ökologisch brillanten Commerzbankturm das (vorläufig noch) höchste Hochhaus Europas.

          Erotische Gurke

          Deutschland ist nach England und noch vor China, Spanien, Japan, Amerika und Frankreich das Land mit den meisten Foster-Bauten; Duisburg, Dresden, Hamburg, Düsseldorf und Berlin brüsten sich mit vollendeten oder werdenden Bauten seines Architekturimperiums. Keiner aber hat soviel Aufsehen erregt wie jener rigoros phallische Tannenzapfen-Glasturm, den der Architekt 2002 nach jahrelangen Diskussionen über Londons Silhouette hievte (siehe auch: Tannenzapfen oder Gurke?). „Erotische Gurke“ nennt England ihn, Swiss Re Tower heißt er, und die „NZZ“ schrieb ungewohnt lässig, damit habe der Architekt „die modische Blob-Architektur geometrisch gezähmt“.

          Vielleicht ist das Gebilde ein Geistesverwandter jener megalomanen dorischen Säule, die Adolf Loos 1926 so ironisch wie vergebens beim Wettbewerb um den Chicago Tribune Tower einsandte. Einen ironischen Schlenker jedenfalls könnte sich Lord Foster, der heute siebzig Jahre wird, leisten: Einhundertfünfzig Projekte in zweiundzwanzig Ländern beschäftigen ihn derzeit; das Prestigeobjekt darunter ist die neue Oper in Dallas. Wetten, daß sie ein exzentrisches Dach haben wird?

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