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Dürer-Ausstellung in London : Sein Copyright bestand nicht nur im „AD“

Die neu aufgetauchte Federzeichnung von Jungfrau und Kind auf einer Rasenbank (wohl 1503) Bild: Agnews Gallery

Die National Gallery zeigt Albrecht Dürer von den Elsässer Studienjahren bis zu den Italienreisen. Aber die größte Überraschung wartet zehn Gehminuten entfernt.

          6 Min.

          Was kann ein vor fast fünfhundert Jahren gestorbener Künstler wie Albrecht Dürer noch Neues bieten? Eigentlich dürfte dieser Text gar nicht in London beginnen, sondern in Concord, Massachusetts. Dort gab es vor ein paar Jahren eine Haushaltsauflösung, die etwas zutage förderte, das sich nun anschickt, eine der teuersten Altmeisterzeichnungen der Kunstgeschichte zu werden. Aber dazu später. Denn natürlich gibt es doch gute Gründe dafür, mit London anzufangen. Hier wird die Zeichnung jetzt nämlich erstmals gezeigt. Pünktlich zur Eröffnung der großen Dürer-Ausstellung in der National Gallery. Allerdings nicht in dieser großen Ausstellung, sondern zehn Fußminuten weiter, in einer kleinen, aber traditionsreichen Kunsthandlung.

          Die mutmaßlich spärlichen London-Besucher in diesen reisefeindlichen Zeiten sollten sich die gerade eröffnete National-Gallery-Schau trotzdem keinesfalls entgehen lassen. Und das auch dann nicht, wenn sie erst vor wenigen Monaten im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum die sensationelle Ausstellung „Dürer war hier“ (F.A.Z. vom 24. Juli) gesehen haben. Denn „Dürer’s Journeys“ ist zwar deren Wiederaufnahme, aber allein schon die konservatorischen Erfordernisse für die vielen subtilen Zeichnungen und Druckgrafiken haben dafür gesorgt, dass man es in London mit einer zu zwei Dritteln ver­änderten Werkauswahl zu tun hat. Insgesamt hat dieses deutsch-britische Ge­meinschaftsprojekt mehr als 250 Arbeiten aus aller Welt zusammengetragen, aber jeweils rund hundert davon mussten sich auf einen der beiden Schauplätze beschränken. Es handelt sich also in London um eine ganz andere Präsentation als in Aachen.

          Noch Heraldik statt Anschauung: Dürers Löwen-Gouache von 1494, heute in der Hamburger Kunsthalle.
          Noch Heraldik statt Anschauung: Dürers Löwen-Gouache von 1494, heute in der Hamburger Kunsthalle. : Bild: Hamburger Kunsthalle, Hamburg

          Im Guten wie im Schlechten. Gut ist die gegenüber Aachen weitaus größere Zahl von Dürer-Gemälden (elf statt vier). Der Ruhm der National Gallery hat etwa dafür gesorgt, dass der Prado sein ikonisches Männerbildnis von 1521 für London freigegeben hat, das Thyssen-Bornemisza-Museum „Christus unter den Schriftgelehrten“ von 1506 und die amerikanische National Gallery sogar die Haller-Madonna von 1498. Eine ungenannte Privatsammlung hat es vorgezogen, entgegen der ur­sprünglichen Ankündigung ihre Ver­sion von Dürers kleinformatiger Kreuzweg-Komposition von 1527, die bislang nur in zwei zeitgenössischen Kopien (Bergamo und Dresden) überliefert war, ausschließlich nach London zu geben, wo die beiden anderen Bilder fehlen (und damit auch die Vergleichsgrundlage für die etwas vollmundige Zuschreibung). Die pandemiebedingten Verschiebungen des zweiteiligen Ausstellungsprojekts boten die Aus­rede dafür: In Aachen hätte schon im Vorjahr eröffnet werden sollen, zum fünfhundertsten Jubiläum des Beginns der niederländischen Reise von Dürer samt seinem mehrmonatigen Aufenthalt in Antwerpen 1520/21. London wäre dann regulär im vergangenen Frühjahr gefolgt.

          Was das Herz der Ausstellung ausmacht

          Diese Abfolge beider Stationen jedoch überzeugt nicht, denn Aachen wählte mit dem Zeitraum der insgesamt einjährigen Reise in die Niederlande ein eng umrissenes Thema, das durch eine hochkonzentrierte Auswahl von Dürer-Werken der Jahre 1520/21 verdeutlicht wurde – und grandios erweitert mittels von Dürer unmittelbar beeinflusster Kunst jener Zeit, sodass man von einem Antwerpener Laboratorium der Renaissance sprechen kann, das in Aachen bei der Arbeit gezeigt wurde: ein Spezialistenblick von größtem Reiz. Die National Gallery dagegen hat diese Essenz erweitert und damit auch verwässert: auf sämtliche Dürer-Reisen von den Studienjahren im Elsass und in Basel über die beiden Italien-Aufenthalte bis hin zur niederländischen Episode. Das Allgemeine kommt somit erst nach dem Speziellen. Aber man muss einem englischen Publikum wohl auch Zugeständnisse machen.

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