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100 Jahre Kunstmuseum Chemnitz : Eine Stadt mit reichlich Brüchen

Die Kunstsammlungen Chemnitz feiern ihre ersten hundert Jahre. In der Ausstellung „Im Morgenlicht der Republik“ wird die Stadtgeschichte sichtbar und – welche Schätze in den Depots lagern.

          4 Min.

          Rauch speiende Schlote, ein graublau gefärbter Himmel und Fabrikanlagen, die bis zum Horizont reichen – so wie Ernst Ludwig Kirchner 1926 in seinem Gemälde „Chemnitzer Fabriken“ die Industriestadt am Rande des Erzgebirges malte, sieht das „Manchester Sachsens“ heute nicht mehr aus. Chemnitz war in der Weimarer Republik das Zentrum der sächsischen Textilindustrie. 600.000 Strümpfe wurden an einem Tag produziert. Fortschrittsglaube und Bürgerstolz zeichneten das Selbstverständnis der Chemnitzer Fabrikantenfamilien aus. Doch die Stadt war immer auch ein Arbeiterzentrum. Während im eleganten Dresden gefeiert wurde und im kosmopolitischen Leipzig der Handel florierte, so wie es ein Sprichwort sagt, wurde in Chemnitz geschuftet. Die Stadt war vom Ruß der Fabriken überzogen, das Stadtbild war von Mietskasernen geprägt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Dennoch entwickelte sich schon früh ein kunstsinniges Großbürgertum. Bereits 1860 entstand mit der „Kunsthütte“ ein Kunstverein, der als Bürgerinstitution Kunst aufkaufte. 1912 entwarf Max Klinger das Wandbild „Arbeit = Wohlstand = Schönheit“ für den großen Saal des Chemnitzer Rathauses und schuf dabei ein Bildnis, das die antike Sagenwelt mit dem Zeitgeist der Industriegesellschaft verbindet. Wohlstand müsse erarbeitet werden, war der Tenor in der Stadtgesellschaft. Erst dann könne man sich dem Schönen zuwenden, wie es die Strumpffabrikantenfamilie Esche tat, die sich von Edvard Munch porträtieren ließ.

          Auch die Stadt Chemnitz begann in dieser Zeit mit dem Erwerb von Kunst. 1909 wurde auf private Initiative das König-Albert-Museum eröffnet, 1920 entstand die „Kunstsammlung Chemnitz“ als kommunales Museum durch den Beschluss des Stadtrats. Das neue städtische Museum, ein Ort der Teilhabe, Bildung und Demokratie, war eine der wenigen Museumsneugründungen der Zwischenkriegszeit und stand „im Morgenlichte der jungen deutschen Republik“, wie der Gründungsdirektor Friedrich Schreiber-Weigand bei der Eröffnung sagte. Er war einer der umtriebigsten Direktoren seiner Zeit, überzeugte die Magnaten der Stadt zu großzügigen Stiftungen und ermöglichte aufstrebenden Künstlern, wie dem aus Chemnitz stammenden Karl Schmidt-Rottluff, die Verwirklichung ihrer Visionen.

          Zum Jubiläum hat die Kunstsammlung eine Sonderausstellung konzipiert, die die Geschichte des Kunstmuseums erzählt und mit mehr als vierhundert Objekten, von der Romantik bis zur Gegenwart, den Kunstbestand der Chemnitzer Museen neu arrangiert. In sechs Sektionen – Romantik, Arbeit = Wohlstand = Schönheit, Expressionismus, Galerie der Moderne, Kunst im geteilten Deutschland und Dialoge – werden Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Fotos und Kunsthandwerk gezeigt.

          Im ersten Saal fängt das Gemälde „Segelschiff“ von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1815 den Blick der Besucher ein. Eine Fregatte treibt auf dem Meer. Nebel umhüllt das Schiff. Der Chemnitzer Kunstverein interessierte sich schon früh für den Künstler und dessen Zeitgenossen Carl Gustav Carus oder Johannes Dahl und akquirierte Zeichnungen der Romantiker wie Friedrichs „Hafenspielerin“ von 1830, die eine Allegorie an die religiöse Musik ist. Sozialkritischer sind da die Grafiken von Honoré Daumier. Mit mehr als 1100 Lithographien besitzt die Kunstsammlung Chemnitz den umfangreichsten Zeichnungsbestand des Karikaturisten außerhalb seiner französischen Heimat. Zu verdanken ist das dem Fabrikanten Erich Goeritz, der 1925 der Kunstsammlung seine Blätter, darunter den Zyklus „Die sozialistischen Frauen“, stiftete.

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