https://www.faz.net/-gqz-7x4hj

Bilder der Avantgarde : Es kommt der neue Fotograf!

Der verrückteste Traum ist klarer als die Wirklichkeit, und die kühlste Dokumentation ist abgründiger als jede Phantasie: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Meisterwerke der Avantgarde-Fotografie.

          4 Min.

          Kein Medium kommt den Ansprüchen des Surrealismus weiter entgegen als die Fotografie. Denn was ist unheimlicher als die präzise Abbildung eines Gegenstands? Es ist wie im Traum, der uns ebenso seine furchterregenden Bilder wie manche süße Verlockung keineswegs unscharf oder hinter Nebelschwaden zeigt, auch wenn uns das Kino dies weismachen will, sondern stets mit bestechender Klarheit. Erst sie lädt die Dinge auf. Mit Geheimnis. Und zugleich mit einem Potential von Bedrohung und Gefahr.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es ist deshalb ein bezwingender Einfall des Wolfsburger Kunstmuseums, der Ausstellung „RealSurreal - Meisterwerke der Avantgarde-Fotografie“ eine Kabinettauswahl von Aufnahmen aus dem neunzehnten Jahrhundert voranzustellen: mit einem Architekturbild von Hill und Adamson etwa, mit einem Mädchen im Nachthemd, fotografiert vom Schriftsteller Lewis Carroll, oder dem kargen Stillleben mit Kartoffeln von August Kotzsch. Wie Vorlagen für de Chirico, Dalí und Magritte wirken diese Bilder. Und vom Paris-Fotografen Eugène Atget, der mit einem seiner bekannten Restauranteingänge vertreten ist, hatte ja sogar André Breton ganz ähnliche Motive für die Magazine und Pamphlete der Surrealisten ausgewählt, um die Aufnahmen im neuen Zusammenhang magisch aufzuladen. „Meinen Namen bitte nicht hinzufügen“, soll Atget damals irritiert gefordert haben: „Es sind nur Dokumentationsfotos.“ Zwei, drei Generationen später allerdings verkehrte Susan Sontag diese Ansicht ins Gegenteil. „Jede Fotosammlung“, schrieb sie, „ist ein Experiment in surrealistischer Montage und in der surrealistischen Verkürzung der Geschichte.“

          Sehen schärfen, Welt neu wahrnehmen

          Dietmar Siegert zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutenden Fotografiesammlern in Deutschland. Schon in den Siebzigern hat er begonnen, große Konvolute zu erwerben. Die Aufnahmen seiner verschiedenen Schwerpunkte zählt er in Tausenden, wenn nicht Zehntausenden. Vor allem Reisefotografie des neunzehnten Jahrhunderts hat er so umfassend zusammengetragen, dass er mit dem Material im Laufe der Jahre immer wieder neue Präsentationen arrangieren und Bücher herausgeben konnte. Sie waren Städten gewidmet, Ländern, großen Regionen, sogar einer Epoche, wie vor einiger Zeit seine großartige Biedermeier-Ausstellung in München. Dass Siegert auch im zwanzigsten Jahrhundert zu Hause ist, fiel hingegen bestenfalls sporadisch auf - etwa mit seinen Leihgaben für die Hamburger Fotografieausstellung „Begierde im Blick“. Und ursprünglich hatte Björn Egging, der Kurator am Kunstmuseum Wolfsburg, Siegert auch nur als Leihgeber für eine Schau zur surrealistischen Fotografie vorgesehen. Dann aber war er von der Masse und Qualität der Arbeiten bei Siegert so überwältigt, dass er die gesamte Ausstellung mit Material aus dessen Sammlung bestückte. Man darf sie guten Gewissens als sensationell bezeichnen.

          In drei Kapiteln wird die Fotografie der Moderne aufgeblättert, ergänzt um eben einige Beispiele aus den Anfängen des Mediums sowie Arbeiten zeitgenössischer Fotokünstler aus dem Bestand des Museums. Was sich daraus ergibt, ist eine Schule des Blicks. Denn darum vor allem war es der Avantgardefotografie zu tun: das Sehen zu schärfen, um die Welt neu wahrzunehmen. „Es kommt der neue Fotograf!“ hieß 1929 programmatisch das Fotobuch von Werner Graeff, in dem er die subjektive Experimentierfreude jener Zeit auf ihren Höhepunkt trieb: mit Bildcollagen, harten Kontrasten von Licht und Schatten und vor allem mit ungewöhnlichen Perspektiven, die zu solch extremen Verzerrungen und Verkürzungen bis hin zur Deformation führten, wie sie mit dem bloßen Auge nie wahrgenommen werden können, weil der Intellekt dergleichen Schrägansichten zurückführt in eine verständliche Darstellung. Der fotografische Apparat, so argumentierte László Moholy-Nagy, Lehrer am Bauhaus und Vordenker einer radikalen Ästhetik, sei deshalb „das verlässlichste Mittel zu Anfängen eines objektiven Sehens“.

          Weitere Themen

          Kein Gebot für Villa mit Caravaggio

          Versteigerung in Rom : Kein Gebot für Villa mit Caravaggio

          Durchgefallen: Kein einziges Gebot hat die römische Villa Ludovisi bei ihrer Zwangsversteigerung angezogen. Und das, obwohl sie ein Deckengemälde Caravaggios birgt. Gründe gibt es genug.

          Pariser Obelisk wird restauriert Video-Seite öffnen

          Place de la Concorde : Pariser Obelisk wird restauriert

          Anlass der Reinigung des Monuments ist der 200. Jahrestag der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Jean-François Champollion. Das eine Million Euro teure Vorhaben wird zu einem Großteil durch das deutsche Unternehmen Kärcher finanziert.

          Topmeldungen

          Sie sieht das Ansteckungsrisiko auch für Dreifachgeimpfte: Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek

          Virologin Ciesek warnt : „Ansteckungsrisiko so hoch wie nie“

          Die Infektionszahlen sind so hoch wie nie. Die Gefahr einer Ansteckung rückt damit näher, warnt die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. Doch die neuen Quarantäneregeln für Geboosterte passen nicht dazu.
          Auf dass die Kurse steigen mögen: der Bulle als Symbol für den Aufwärtstrend an der Börse.

          Hohes Risiko : Die Lieblingsaktien der Deutschen

          Biontech, Tesla, Curevac – die Privatanleger hierzulande stecken ihr Geld am liebsten in gewagte Investments. Nicht immer ist ihnen das Glück dabei hold.