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Kunsthistoriker Suckale tot : Enzyklopäde der Form

Stets origineller, ostpreußischer Charakterkopf: Robert Suckale (1943-2020). Bild: Markus Hilbich

Vom Frühmittelalter bis zum Comic: Kaum ein Thema der Kunstgeschichte, zu dem Robert Suckale nichts Kluges sagen konnte. Nun ist der universell gebildete Mediävist mit siebenundsiebzig Jahren in Berlin verstorben.

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          Es wird geschätzt, dass Kunsthistoriker rund dreißigtausend mit Daten gekoppelte Bilder im Kopf abrufbar haben. Bei dem 1943 in Königsberg in Ostpreußen geborenen Robert Suckale müssen es erheblich mehr gewesen sein. Ein einmal gesehenes Bild vergaß er nie mehr. Einst an einem sonnigen Samstag auf ein sehr vertracktes ikonographisches Problem im Garten, nicht mit seiner Handbibliothek im Rücken, angesprochen, antwortete er, von der Krankheit schon gezeichnet aber ohne eine Sekunde des Zögerns, man solle doch einmal in den Münchner Codex Clm 4454 auf Folio 41 recto schauen. Die Stelle stimmte; es war die Lösung.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Auch in Bamberg, seiner ersten akademischen Station, kannte er buchstäblich jeden Stein, wie er eindrucksvoll in einem Aufsatz zu den Bamberger Domskulpturen bewies, in dem er erstmals die Rückseiten der berühmten Schilfsandsteinfiguren der Kathedrale auf Material, Versatz- und Farbspuren untersuchte, und nachweisen konnte, dass sie subtilst geformte und bemalte bunte Götter und Heilige waren. Nach den Bamberger achtziger Jahren wechselte er 1990 an die Technische Universität Berlin, nicht zuletzt aufgrund der auch dort engen Verbindung von Kunstwissenschaft, Baugeschichte und Denkmalpflege, mit der er schon zuvor in Bamberg spektakuläre Ergebnisse erzielen konnte.

          Er schrieb die Bibel der gotischen Architektur

          Promoviert bei Wolfgang Braunfels in München mit einer Arbeit über die Madonnenfiguren der Île-de-France hat Robert Suckale mit dieser immer am Material orientierten Sachkenntnis der Kunst des Mittelalters im gesamten europäischen Raum fundamentale Forschungsergebnisse hervorgebracht, die das Bild dieser Epoche markant verändert haben. Hierzu gehörte seit seiner Promotion die positive Bewertung von künstlerischen Reihen, die er aus der negativen Aura der Reproduktion in die positive Bestimmung der vervielfältigten Formen überführte. Vor diesem Hintergrund vermochte er Formwanderungen zu verfolgen, die in einer Zeit, in der die Mauer noch nicht gefallen war, das Bewusstsein dafür schärften, dass die mittelalterlichen Künstler nationale Grenzen, und dies insbesondere in Mittel- und Osteuropa, kaum beachteten.

          Sämtliche Gattungen der Kunst analysierte er mit einer beeindruckenden Kennerschaft, von der Buchmalerei über die Skulptur bis zur Architektur. Seine zahlreichen Untersuchungen über die Architektur der Gotik mündeten in jene Publikation, die, gemeinsam mit Dieter Kimpel verfasst, 1985 in einer ersten und zehn Jahre später in einer stark revidierten Fassung erschien, die "Geschichte der gotischen Architektur in Frankreich" auf derart umfassende Weise entfaltete, das sie unter Studenten fortan ehrfürchtig nur noch „die Bibel“ genannt wurde. In dieser Gotik-Bibel gelang es ihm, die architektonischen Formen mit komplexen historischen Bestimmungen zu verbinden, ohne die Autonomie der Gestalt preiszugeben.

          Ein Schwerpunkt der Studien Robert Suckales in seinem Standardwerk „Die gotische Architektur in Frankreich 1130-1270“: Die Pariser Kathedrale Notre-Dame.
          Ein Schwerpunkt der Studien Robert Suckales in seinem Standardwerk „Die gotische Architektur in Frankreich 1130-1270“: Die Pariser Kathedrale Notre-Dame. : Bild: Helmut Fricke

          Eines der Entwicklungsmodelle Suckales war dabei jene Theorie der Generationen, die der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder in der Zeit der Weimarer Republik mit starken Auswirkungen auf die Wissenssoziologie begründet hatte. Dieser Umstand führte Suckale zu einer kritischen Revision der Wissenschaft, die, deutlich von den Impulsen der Zeit um 1970 geprägt, hierin einen besonderen Charakter besaß, dass sie die schematische Ausblendung früherer Ansätze der Forschung vor 1945 nicht mitvollzog. Großartige Anregungen vermitteln auch kleinere Arbeiten Suckales, so etwa die Analyse von Claude Monets Serie der Belichtungen der Kathedrale von Rouen während des Tageslaufes der Sonne.

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