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Plattenbau in Rostock : Wie war das Leben in der Platte?

Das Problem mit Glücksversprechen: Wenke Seemanns Werk „Groß Klein“ aus dem Jahr 1983 Bild: Wenke Seemann

Vergegenwärtigtes Archiv: Wenke Seemann blickt in der Kunsthalle Rostock auf die Geschichte der Plattenbausiedlungen und bearbeitet dafür Fotografien ihres Vaters. Sie zeugen von Aufbruchsgeist und dem Untergang der DDR.

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          Aus stadtplanerischer Sicht war es das kühnste Unterfangen, das Rostock in seiner modernen Baugeschichte erlebte. Zwischen 1962 und 1984 entstanden entlang der S-Bahn-Trasse nach Warnemünde fünf Neubaugebiete mit 40.000 Wohnungen für mehr als 100.000 Menschen – Lütten Klein, Evershagen, Lichtenhagen, Schmarl und Groß Klein. Zu Beginn der Sechzigerjahre war es das Ziel der SED-Führung, Rostock und Warnemünde zu einer sozialistischen Großstadt zusammenzuführen. Als „Tor zur Welt“ für die DDR war Rostock mit seinem Hafen der wichtigste Industriestandort des sonst in dieser Hinsicht eher kargen Nordens. Jährlich wuchs die Einwohnerzahl um zweistellige Prozentzahlen, daher wurde neuer Wohnraum dringend benötigt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Mit dem ersten Spatenstich machten sich auch Architekturfotografen an die Arbeit. Nicht nur der Baufortschritt wurde dokumentiert, sondern später auch das Leben, das sich in den neuen Quartieren entwickelte. Der Fotograf Detlef Seemann, 1942 in Leipzig geboren und in Warnemünde aufgewachsen, wurde zu einem der wichtigsten Chronisten der Plattenbaubiotope. Seine Tochter, die Künstlerin Wenke Seemann, geboren 1978, hat den fotografischen Nachlass ihres 2018 gestorbenen Vaters in den vergangenen Jahren aufgearbeitet. Und sie beschloss, die Bilder ihres Vaters für eigene Kunstwerke und Installationen zu nutzen.

          Geist des Aufbruchs aus dem Archiv geholt

          In der Kunsthalle Rostock sind die Ergebnisse nun in der Ausstellung „Utopie auf Platte“ ausgestellt. Seemann spürt dem Geist des Aufbruchs nach, den die Archivbilder widerspiegeln. Es waren vor allem junge Eltern, die von der zentralen Wohnungsvergabe eine der begehrten Wohnungen erhielten. Die Neubauten galten für viele als Sehnsuchtsort, da sie für Fortschritt und Modernität standen und ein komfortables „Leben in der Utopie“ versprachen, wie es der Rostocker Fotograf Siegfried Wittenburg nannte. Die Fotos ihres Vaters setzt sie durch ihre Interventionen ins Verhältnis zum Alltagsleben der Vor- und Nachwendezeit.

          Farbenfroher denn je: Blick auf einen Plattenbau im Stadtteil Lütten Klein
          Farbenfroher denn je: Blick auf einen Plattenbau im Stadtteil Lütten Klein : Bild: ZB

          Besonders eindrucksvoll gelingt ihr das in der Serie „Deconstructing Plattenbau“, eine Collagenreihe, für die sie Innenaufnahmen, Panoramafotografien und Bilder von Fassadendetails mit Bauzeichnungen, Stadtplänen und Tapetenmustern arrangiert hat. In der ersten Fotomontage der Serie strahlen aus der um neunzig Grad gedrehten Aufnahme eines Plattenbaus vom Typ WBS 70 rote Linien aus. Das Bild erinnert an Werke des russischen Konstruktivisten Tatlin.

          Seemann verbindet ihre Erinnerungen an die Licht- und Schattenseiten des Lebens in der DDR mit dem Blick auf die gesellschaftliche und architektonische Gegenwart in den Großwohnsiedlungen. Ausgangspunkt ist immer wieder der Plattenbau, als Speicher der Erinnerungen und Ausdruck des Wandels. In den Fotos von Wohnungen, Menschen und Stadträumen spiegeln sich die historischen Brüche, die in Rostock geschahen. Seemann strukturiert die Schau nach den Themen, die sich in den Neubauvierteln besonders stark widerspiegeln: Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu Beginn, sozialer Abstieg und kultureller Aufbruch nach der Wiedervereinigung.

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