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Rückgabe aus Kanada : Was hat es mit Dürers Kupferstich „Großes Pferd“ auf sich?

Kriegsheimkehrer Schlachtross: Dürers „Großes Pferd“ von 1505 Bild: Kunsthalle Bremen

Später Kriegsheimkehrer: Die Kunsthalle Bremen bekommt Dürers viel zitiertes „Großes Pferd“ aus Kanada zurück. Der berühmte Kupferstich gibt bis ­heute Rätsel auf.

          3 Min.

          Auf kleinstem Raum kann eine ganze Welt verdichtet sein. Albrecht Dürers Kupferstich „Das Große Pferd“ mit seinen nur 16,7 mal 11,7 Zentimetern ist ein solcher Fall. Geschaffen im Jahr 1505 nach jahrelangen Proportionsstudien, steckt Dürers gesamter Kosmos wie auch die Überzeugung darin, die Quintessenz eines Wesens „aus der Natur zu reissen“, also parallel zur Natur zeichnen (was „reissen“ seinerzeit meinte) zu können.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Erst recht aber steckt eine Weltenreise durch Raum und Zeit in diesem kleinformatigen Kupferstich, von Bremen über Brandenburg nach Usbekistan und Kanada und nun wieder zurück. Zusammen mit fünfzig Gemälden, fast zweitausend Zeichnungen und mehreren Tausend Stück Druckgraphik der Kunsthalle Bremen wurde Dürers „Großes Pferd“ 1943 in Schloss Karnzow in der Mark Brandenburg ausgelagert. Kurz nach Ende des Krieges wurde das Versteck in Karnzow entdeckt und geplündert. Von den dort auf ihre Heimreise wartenden sowjetischen Soldaten nahm ein Soldat aus Usbekistan den Kupferstich mit und schenkte ihn in seiner Heimat offenbar weiter. Ein Nachkomme der damals Beschenkten lebt heute in Kanada. Er entdeckte den Kunsthallen-Stempel auf der Rückseite und informierte den Bremer Kunstverein, um das Blatt zurückzugeben.

          Ein weiterer Rätselstich der Bremer Sammlung: Dürers „Melencolia I“ aus dem Jahr 1514.
          Ein weiterer Rätselstich der Bremer Sammlung: Dürers „Melencolia I“ aus dem Jahr 1514. : Bild: Kunsthalle Bremen

          Nun wird man fragen, ob derart viel Aufhebens um ein einziges Blatt gerechtfertigt sei. Tatsächlich sind von Dürers Kupferstich heute weltweit nur fünfundzwanzig Exemplare in öffentlichen Sammlungen bekannt, bei einer damaligen Auflage von rund zwei- bis fünfhundert Blättern. Die kunsthistorische Bedeutung des trotz der Weltreise außergewöhnlich gut erhaltenen Stiches ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, haben doch Künstler von Baldung Grien bis Caravaggio Dürers Pferd zitiert. Wenig verwunderlich: Es ist Rätselkunst par excellence.

          Denn das grell beleuchtete Pferd steht bildeinwärts vor dunkel dräuenden Ruinen-Silhouetten; seine Nüstern überschneiden eine hoch aufragende Säule, auf deren Plinthe nur noch die Füße einer Statue zu sehen, die in ihrem Standmotiv antikisch erscheint. Das massige Pferd wirkt wie ein Schlachtross, anders als bei Dürers Meisterstich „Ritter, Tod und Teufel“ jedoch reitet niemand auf ihm, und es ist ungesattelt. Vielmehr steht ein prächtig behelmter Krieger mit Hellebarde hinter dem Pferd, der optisch als zweiter Kopf aus dessen Leib herauswächst und durch diese Verschmelzung die Anzahl der beiden vorderen Huf-Beine verdoppelt, das Ross zu einem Zentaur oder einer Chimäre werden lässt. Der Hellebardier könnte angesichts seiner Phantasie-Rüstung und der wohl antiken Ruinen und Figurensäule von Dürer ebenfalls als „Römer“ gemeint sein.

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