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Kunstfest unter neuer Leitung : Weimars Sommer ist politisch

Irgendwo hier sollten Mike Mohring von der CDU, Bodo Ramelow von der Linken und die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt auftauchen, denn sie alle machten beim „Reichstags Reenactment“ mit. Bild: dpa

Schon fast eine Bundesgeistesschau: Das jährliche Kunstfest der Stadt hat einen neuen Leiter, und der verpasst dem Festival ein neues Konzept – durchaus mit Blick auf die Landtagswahl.

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          Ein sonniger Nachmittag auf dem Weimarer Theaterplatz. Die Caféterrassen sind gut besucht. Im Schatten des Goethe- und Schillerdenkmals steht der neoklassizistische Bau des Deutschen Nationaltheaters. Die Gruppe Novoflot und der Mädchenchor der Sing-Akademie Berlin betreten in weißen Jacken den Asphalt, stellen sich im Kreis auf und werfen Notenbücher auf den Platz. Im geschäftigen Trubel der Klassikerstadt erklingen Arien aus der Oper „Orfeo“ von Monteverdi. Dazwischen immer wieder diskursive Aussagen: „Wir pressen, wie gesagt, alle Opernwerke mit aller Kraft zusammen. Wie lang muss man für diesen Big Bounce pressen?“ Das Stück „Die Oper #1“ ist eine gelungene Persiflage auf die Opernwelt und stellt die Frage nach dem Sinn im Musiktheater. Dafür seziert die Berliner Gruppierung die Moleküle der traditionellen Oper. Ein kulturkritischer Start für das diesjährige Kunstfest Weimar, dass mit Superlativen nur so um sich wirft. Noch nie sei das traditionsreiche Sommerfestival, das seit 1990 stattfindet, so vielfältig, so partizipativ, so politisch und so groß gewesen. Bis zum 7. September läuft es diesmal noch.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Sein umfassendes Programm verdankt das Kunstfest dem neuen künstlerischen Leiter Rolf Hemke, Jahrgang 1972, der aus dem Ruhrgebiet und dem dortigen Mühlheimer Theater nach Weimar gewechselt ist. Für fünf Jahre wird Hemke, der Jura studiert, journalistisch gearbeitet hat und ein Kenner der afrikanischen Theater- und Musiklandschaft ist, die Geschicke des Festivals leiten. Er hat bei der Programmplanung das Konzept „Kunstfest“ gänzlich hinterfragt und eine neue Definition aufgestellt, versucht aber der Traditionslinie von Vorgängern wie Nike Wagner und Christian Holtzhauser treu zu bleiben: „Ich interpretiere Kunst im weiteren Sinne. Musik, Theater, Malerei, Performance.“ Lange Zeit sei das Kunstfest vom Theater geprägt gewesen, was Hemke in diesem Jahr mit neuen Programmschwerpunkten geändert hat. „Es wird politisch und musikalisch“, sagt er mit einem leichten Schmunzeln.

          Finanziell eingeschränkt aber tatkräftig: Der neue Leiter des Kunstfests Rolf Hemke
          Finanziell eingeschränkt aber tatkräftig: Der neue Leiter des Kunstfests Rolf Hemke : Bild: dpa

          Hochwertige Vielfalt trotz kleinem Budget

          Deshalb wurde auch der Auftakt zu einer politischen Performance. Mit „Reichstags Reenactment“ von Nurkan Erpulat hat das Kunstfest in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater führende thüringische Landespolitiker zusammengebracht, um sie Reden aus der Zeit der Weimarer Nationalversammlung von 1919 lesen zu lassen. Ein experimentelles Improvisationstheater, das den Geist von Weimar und den demokratischen Aufbruch jener Tage wieder lebendig machen soll. Mike Mohring von der CDU war ebenso dabei wie Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken oder die Grünen-Politikerin Kathrin Göring-Eckhardt. Eine illustre Runde.

          Erstaunlich an der diesjährigen Ausgabe ist auch, dass Hemke und seine Mitarbeiter viele international bekannte Künstler anwerben konnten wie zum Beispiel die Regisseurin Katie Mitchel, die sich am ersten Festivalwochenende in ihrem Musiktheaterstück „Zauberland“ mit Fluchtschicksalen auseinandergesetzt hat. Diese Betrachtung hat sie in einem musikalisch-lyrischen Experiment ins Verhältnis zu Robert Schumans Liederzyklus „Dichterliebe“ gesetzt. Keine einfache Aufgabe sei das, denn das Budget des Kunstfests ist seit seiner Gründung äußerst begrenzt und beläuft sich in diesem Jahr auf lediglich 900.000 Euro. Doch Hemke hat große Pläne: „Auch im nächsten Jahr wird es so munter weitergehen wie in diesem, mit ähnlich großem Programm und einigen musikalischen und dramaturgischen Highlights.“ So versucht er momentan, eine Zusammenarbeit mit der Klassik-Stiftung Weimar unter deren neuer Direktorin Ulrike Lorenz zu verabreden und andere Institutionen in Thüringen mit dem Kunstfest zu vernetzen.

          Baselitz im Fokus

          Dennoch sieht auch Hemke Nachbesserungsbedarf: „Wenn das Land Thüringen weiterhin ein Festival mit dieser Qualität haben möchte, muss auch in den nächsten Jahren über die Finanzen geredet werden.“ Hemkes Zukunftsziele sind hochgesteckt. Eine „Dachmarke“ solle das Kunstfest werden, die künstlerisch ins gesamte Land und international ausstrahlt. Für 2021 plant Hemke eine „Bundesgeistesschau“ in Anlehnung an die im selben Jahr im benachbarten Erfurt stattfindende Bundesgartenschau. Besonders das Finale des diesjährigen Kunstfests wird aber schon jetzt viel Aufmerksamkeit erregen. Am Schlusstag wird unter dem Titel „Uraufführung eines Bildes“ ein Konzert veranstaltet, das dem Dialog von klassischer Musik und Kunst gewidmet ist. Bei dieser Performance soll das schon 2014 entstandene, aber noch nie öffentlich gezeigte Gemälde „Immer noch unterwegs“ von Georg Baselitz vorgestellt werden, das der Künstler selbst als eines seiner „Hauptwerke der jüngeren Vergangenheit“ bezeichnet. Der Sänger Matthias Goerne wird dazu Lieder von Hans Eisler, Schostakowitsch und Alban Berg vortragen.

          Hemke will mit seiner Programmstrategie eine klare Positionierung zur Ende Oktober anstehenden Thüringer Landtagswahl betreiben: „Wir stehen für einen pluralistischen und demokratischen Diskurs, eine offene Gesellschaft, die diskriminierungsfrei ist.“ Dabei hat er auch die historischen Jubiläen im Blick, die Weimar in diesem Jahr prägen. Ob Bauhaus oder die Konstituierung der Nationalversammlung 1919 – für Hemke spielt deren Würdigung eine entscheidende Rolle fürs Gelingen eines Kunstfests, das Impulse für das zeitgenössische Kulturschaffen setzen will: „Ohne historisches Bewusstsein ist in Weimar kein Weiterkommen möglich.“

          Auch deswegen ist Hemke eine Zusammenarbeit mit dem Zentrum für politische Schönheit und dessen Gründer, dem Philosophen und Aktivisten Philipp Ruch, eingegangen. An diesem Freitag, dem 30. August, wird das Zentrum in Weimar einen Holocaust-Gedenkabend unter dem Titel „Das Riff der Geschichte“ abhalten. Im Angesicht von Buchenwald sollen der heutige Antisemitismus und neue Formen des Judenhasses diskutiert werden, mit Gästen wie Michel Friedmann, der Publizistin Lea Rosh und der Migrationsforscherin Naika Foroutan.

          Die aktuellen Entwicklungen in der Weimarer Kommunalpolitik zeigen, dass die sich durch das Programm ziehende offene und liberale Haltung des Fests nichts Selbstverständliches ist, denn dieser Sommer in Weimar kommt nicht ohne Störungen aus. Die Vereinigung „Patrioten für Deutschland“ hat sowohl für den Beginn als auch zum Ende des Kunstfests Demonstrationen angemeldet. Offiziell sollen die Wahlen im Oktober dabei im Mittelpunkt stehen, aber ähnlich häufig hat diese Initiative selten in Weimar demonstriert. Da die Kundgebungen auf dem Theaterplatz stattfinden sollen, der zugleich zentraler Veranstaltungsort des Kunstfests ist, wäre auch das Festival mit seinem temporären Meyer Pavillon, dem Kunstfest-Treffpunkt, betroffen.

          Unabhängig von solchen Störversuchen hat Hemke es geschafft, dem Kunstfest gleich zu Beginn seiner künstlerischen Leitung ein neues Gesicht zu geben. In keiner anderen Zeit des Jahres ist Weimars Kulturleben so kosmopolitisch, international und progressiv. Ganz nach Hemkes Motto, das sein Antrieb als Kurator ist: „Auch Goethe und Schiller waren zu ihrer Zeit Avantgarde. Ich will das den Weimarern vor historischer Kulisse bewusst machen.“

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