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Kunstfälscher-Prozess : Das ist nicht die ganze Wahrheit

Der Prozess gegen die Kunstfälscher von Köln steht kurz vor dem Abschluss. Neue Erkenntnisse zeigen: Nur ein Bruchteil des Betrugs ist bislang ans Licht gekommen.

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          Der interessanteste Moment im gestrigen Prozesstag war der, als der Richter fragte, wieso Wolfgang Beltracchi, der Fälscher, denn für ein Bild viel mehr Geld überwiesen bekam, als er dem Gericht angegeben hatte. Der Fälscher stutzte kurz und erklärte, das müsse dann das Geld für zwei Bilder gewesen sein, die er gemalt habe; da gäbe es was, aber das sei hier nicht angeklagt, murmelte Beltracchi, und es klang so, als ob er da ein Bild im Sinn hatte, von dem in diesem Prozess noch gar nicht die Rede war.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Vor dem Kölner Landgericht geht es um vierzehn gefälschte Meisterwerke der Moderne. Aber viel spricht dafür, dass Beltracchi viel mehr gefälscht hat, und das eigentlich Unbefriedigende an dem ganzen Prozess liegt in der rechtlichen Unmöglichkeit, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen. Das Gericht interessiert sich nur fürs strafrechtlich Relevante, nicht für die Aufklärung verjährter Taten. Aber es ist kein Geheimnis, dass Wolfgang Beltracchi schon viel früher, in den achtziger Jahren, im Stile moderner Meister malte. Alte Ermittlungsakten bezeugen, dass er seit 1985 mindestens fünfzehn Gemälde von Georges Valmier, Tamara de Lempicka, Ernst Wilhelm Nay und Victor Servranckx lieferte. Wer waren die Kunden, wo sind die Bilder? Schon 1996 war ihm das Landeskriminalamt Berlin auf der Spur, und man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich Gründe vorstellen zu können, warum er irgendwann keine feste Adresse mehr hatte, sondern mit seiner Frau Helene in einem Wohnmobil durch Europa stromerte und seinen eigentlichen Nachnamen - geboren wurde er 1951 als Wolfgang Fischer - gegen ihren eintauschte.

          Bei der gestrigen Befragung erzählte Beltracchi noch einmal, dass er vor 1989 schon Geschäfte mit seinem heutigen Mitangeklagten Otto Schulte-Kellinghaus gemacht hatte. „Bilder vertickt“, präzisierte der Richter in seinem für nichtkölnische Besucher ungewohnten Willy-Millowitsch-Ton, wie überhaupt die Verhandlung deutliche Züge einer Komödie annahm. Was er mit dem Konto in Panama wollte? Mal für später, für die Kinder, sagte Beltracchi niedergeschlagen, „aber das will ja schließlich alles Frau Franz haben“ und deutete in Richtung der Staatsanwältin. Ob es stimmt, was ein anonymer Briefeschreiber schreibe, will der Richter wissen, dass Beltracchi noch Wohnungen in Lateinamerika und Nordafrika besitze, dass es einen Drogenfund auf einer Yacht gab? In Nordafrika habe er nur einen alten Mercedes gehabt, einen Strichachter. Hundertachtziger?, fragt der Richter. Strichachter, korrigiert der Staatsanwalt. Und gekifft, rief Beltracchi, habe er das letzte Mal 1985!

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