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Kunstfälscher-Prozess : Alles war absurd einfach

Nun sind Kunstfälscher unter allen Verbrechern traditionell die beliebtesten: Moralisch integrer kann man sechzehn Millionen Euro nicht ergaunern. Kunstfälscher verkaufen kein Heroin, sie ermorden niemanden, sie hintergehen bloß ein System, für das ohnehin die wenigsten Sympathien haben. Selbst die renommierte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen betont, dass „im Unterschied zu betrügerischen Bankern Beltracchi und seine Mitangeklagten nicht gutgläubige einfache Leute um ihr Erspartes gebracht“ hätten, sondern Menschen, die vielleicht auch getäuscht hätten werden wollen, daher seien „die Strafen nicht unangemessen milde. Im Gegenteil“. Sie steht mit ihrer Sichtweise nicht alleine da. Wie kommt es, dass den Betrügern die Herzen nur so zufliegen?

Mit vierzehn einen Picasso in zwei Stunden kopiert

Liegt es daran, dass unsere Sicht auf Delinquenten in der Kunstwelt von Hollywoodfilmen geprägt ist - daran, dass wir seit „The Thomas Crowne Affair“ und „Mickey Blue Eyes - Mafioso wider Willen“ Kunstgangster als Helden vorgeführt bekommen und lieben gelernt haben? Wolfgang Beltracchi tritt nicht nur wie ein Filmstar auf, er sieht nicht nur wie ein Mischung aus D'Artagnan und einer hippiesken Glamourversion des jungen Rembrandt aus - seine Geschichte vereint alle Ingredienzien des Helden eines klassischen Hollywoodfilms: Eine Biographie mit Brüchen, eine große Liebe, das Schicksal eines Ausgestoßenen, der mit seinem Können am Ende doch noch das Establishment auffliegen lässt.

Beltracchi wurde 1951 in Geilenkirchen als Wolfgang Fischer geboren, erst später hat er den Namen seiner Frau angenommen; der Vater war Kirchenmaler und Restaurator. Mit vierzehn habe er einen Picasso in nur zwei Stunden kopiert, aber das sei der einzige gewesen, da könne Werner Spies aufatmen - ein für ein Geständnis gewagter Scherz auf Kosten des Picasso-Experten Spies, der sieben von Beltracchi gefälschte Max-Ernst-Werke gutgläubig als echt zertifiziert hatte.

Handwerkliche Brillanz, nicht wertgeschätzt

Mit achtzehn wurde Beltracchi auf der Werkkunstschule Aachen aufgenommen, fuhr Harley Davidson, bummelte als Hippie durch Europa, wohnte bei Freunden, denen er zum Dank erotische Monumentalgemälde hinterließ. 1992 lernt er Helene Beltracchi kennen, die Liebe seines Lebens. Ein Jahr später heirateten sie, kurze Zeit später wurde ihre Tochter geboren. Wolfgang Fischer-Beltracchi will für seine Familie sorgen; er ist wütend, dass man seine handwerkliche Brillanz nicht wertschätzt. Er ersinnt den Plan, Fälschungen in den Markt zu bringen. Auf Antikmärkten kauft er alte Leinwände und malt darauf etwas, das er als „fehlende Meisterwerke“ bezeichnet. Er perfektioniert, darin einem protokriminellen Konzeptkünstler ähnlich, die Kunstgeschichte.

Seine Frau und Schulte-Kellinghaus erzählen den Opfern die Geschichte von den Sammlungen ihrer Großväter Jägers und Knops - Sammlungen, die es nie gab. Ein paar Jahre später kann Beltracchi für zwei Millionen Euro ein Anwesen in Südfrankreich kaufen, dann ein Grundstück in Freiburg, wo er eine Villa bauen lässt; die Familie lebt aber weiter in Südfrankreich. Das Städtchen Mèze liegt am Mittelmeer, am Etang de Thau, es ist nicht weit nach Marseillan. Dort, am Hafen, wo über einem der Häuser eine schwarze Piratenflagge weht, habe Wolfgang Beltracchi - so erzählt es eine Galeristin, die ihn dort traf - in einer Bar gesessen und lauthals auf das Establishment des Kunstmarkts geschimpft. Helene habe versucht, ihn zu beruhigen, ohne viel Erfolg.

Eine fast romantische Note

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