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Schau „Diversity United“ : Was kann uns noch retten?

Schuld im Spiegel? Die Arbeit „Mea Culpa“ der niederländischen Künstlerin Patricia Kaersenhout, 2020. Bild: EPA

Vielfalt als Trojanisches Pferd: Im Berliner Flughafen Tempelhof zeigt „Diversity United“ mit vierhundert Werken aus ganz Europa, was Kunst gerade in schwierigen Kontexten vermag.

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          Ob „Europa“ eine bloße Idee oder eine reale Entität ist, entscheidet sich gerade auch in der Kunst und Kultur, bei aller Uneindeutigkeit und allen Brüchen, die diese offenlegt. Die Ausstellung „Diversity United“ im Berliner Flughafen Tempelhof zeigt vierhundert derartig „gebrochene“ Statements zu Europa von neunzig Künstlern aus 34 Ländern, überwiegend europäischen, aber auch – Eurasien zieht sich als Kontinent bekanntlich bis Russland – viele ukrainische, baltische und russische Künstler sind mit großartigen Arbeiten beteiligt.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Sichtbare Diversität somit, vereint unter dem wohnblockhohen Dach der großzügig-stützenfreien Hangars 2 und 3 des einstigen Flughafens. Ursprünglich hätte die Ausstellung im November letzten Jahres 1806 Kilometer weiter östlich in der Moskauer Tretjakow- Galerie starten sollen, als Teil des Deutsch-Russischen Jahrs 2020/21. Die Pandemie vereitelte dies, und nun kamen auch noch politische Verwerfungen hinzu, die eine Moskauer Station vorerst in die Ferne rücken.

          Wer Kontakt zu verbotenen NGOs hält, kann verhaftet werden

          Hochpolitisch ist die Schau in den meisten ihrer künstlerischen Positionen und ihrer Organisation – der Bundespräsident persönlich hat die Ausstellung diese Woche eröffnet, und auf russischer Seite war entsprechend Putin als Schirmherr vorgesehen. Doch nun hat das russische Verbot zweier Nichtregierungsorganisationen, der „Deutsch-Russische Austausch“ und das „Zentrum für liberale Moderne“, beides Unterorganisationen des die Schau ko-kuratierenden „Petersburger Dialogs“, zum Eklat geführt. Eine Vorstandsvorsitzung im Juli wurde bereits abgesagt, aller Voraussicht nach wird Putin die Kriminalisierung der beiden Organisationen nicht zurücknehmen und damit die ihm wohl eher suspekte künstlerische Diversität nicht in Moskau gezeigt werden, sondern direkt weiter nach Paris gehen.

          Geschichtsgewebe: Den Turnerpreis erhielt Grayson Perry für seine in traditioneller Töpfertechnik gefertigten und bunt bemalten Keramik-Hybride, nun setzt er den aktuellen „Battle of Britain“ monumental in alter Tapisserietechnik um.
          Geschichtsgewebe: Den Turnerpreis erhielt Grayson Perry für seine in traditioneller Töpfertechnik gefertigten und bunt bemalten Keramik-Hybride, nun setzt er den aktuellen „Battle of Britain“ monumental in alter Tapisserietechnik um. : Bild: Courtesy the artist und Victoria Miro, London/Venedig

          Walter Smerling, Sprecher des Kuratorenkollektivs, sagte dieser Zeitung gestern: „Wir verbiegen uns nicht, wir wollen die Ausstellung so, wie sie in den zurückliegenden zwei Jahren konzipiert wurde, und ohne Abstriche in Moskau zeigen.“ Ein Rest Hoffnung auf eine Eröffnung in der Tretjakow-Galerie diesen November wolle er sich erhalten, denn „es gab in den letzten zwei Jahren mehrfach schwierige Probleme zu lösen“, und immer seien die von dem Dutzend Kuratoren in langwierigen Diskussionen ausgewählten neunzig Künstler dabei „Brückenbauer jenseits politischer Schwierigkeiten“ gewesen.

          An großen Namen fehlt es auf den achttausend Quadratmeter Ausstellungsfläche nicht: etwa Mona Hatoum, Christian Boltanski, Anselm Kiefer, Alicja Kwade, Annette Messager, Wolfgang Tillmans, Gerhard Richter (von dem über dreißig faszinierende Übermalungen auf Fotos von Europareisen zu sehen sind), Ugo Rondinone, Katharina Sieverding oder Rosemarie Trockel.

          Tödlich romantisch: Anselm Kiefers „Winterreise“, 2015-2020.
          Tödlich romantisch: Anselm Kiefers „Winterreise“, 2015-2020. : Bild: Silke Briel/Stiftung für Kunst und Kultur, Bonn

          Tatsächlich offenbart sich die Wirkungsmacht der Kunst aber vor allem – es schmerzt zu schreiben – bei jenen jüngeren Künstlern, die in repressiven Systemen etwas zu verlieren haben oder denen gar Verhaftung und Schlimmeres droht. Als eine Art Trojanisches Pferd hätte die Schau so in Moskau doppelt stark wirken können. Doch selbst im seligen Berlin sind die fast lebensgroßen blutroten Aquarellfiguren „Picket“ der in Moskau geborenen und dort arbeitenden Ekaterina Muromtseva mit die stärksten Werke der Schau. Vor ihren mit Farbe zugelaufenen Leibern halten sie jeweils ein leeres weißes Transparent.

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