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Kunstaktion für syrische Kinder : Die Herzen mit der Brechstange öffnen

  • -Aktualisiert am

Grundlos verschleppt und zu Tode gefoltert

„Ich bin einer von wenigen Glücklichen, die im Rahmen des ersten deutschen Aufnahmeprogramms legal nach Deutschland einreisen durften“, erzählt er. Der Großteil seiner Familie säße weiterhin in Homs fest. „Gott sei Dank funktioniert das Internet noch“, sagt Anis. Er stehe in ständigem Kontakt mit seinen Angehörigen, die ihm von den Explosionen und Toten berichten, die es weiterhin täglich in Homs gebe.

Neben Anis sitzt Feras, 39 Jahre, Koch aus Damaskus. Feras lebt seit dreieinhalb Jahren in Weimar, gemeinsam mit seiner Frau, die Deutsche ist. „Der Großteil meiner Familie ist tot“, sagt er. Zwei seiner Brüder und deren Söhne sowie weitere Verwandte seien von Assads Geheimpolizei grundlos verschleppt und zu Tode gefoltert worden.

Zweimal ist Feras in den vergangenen Monaten von Deutschland aus über die türkische Grenze bis ins syrische Kriegsgebiet gefahren – das erste Mal mit einem Krankenwagen und ein zweites Mal mit einem LKW voller Kleiderspenden. Feras berichtet von unzähligen Kriegswaisen, die allein und hungernd in den Trümmern der zerbombten Städte hausen. Um ihnen zu helfen, unternimmt er die gefährlichen Fahrten. „So viele unschuldige Menschen sind gestorben. Wo ist Europa und Amerika? Syrien braucht Demokratie und Freiheit und dafür brauchen wir eure Hilfe“, sagt Feras und ringt mit den Tränen.

Eine Art Gefühlsschleuse

In einer der öffentlichen Gesprächsrunden, die vor der Spielshow am Abend stattfinden, erzählt Baschar, ein junger Arzt aus Deir ez-Zor im Osten Syriens, wie er mit zwei Kollegen monatelang in einem Kellerloch Verwundete behandelte: Namenlose Patienten, die er ohne medizinische Ausrüstung zu retten versuchte und die unter seinen Händen starben. „Wenn ich heute Menschen lächeln sehe, denke ich an meine Patienten, wie sie geweint und gelitten haben und dass ich ihr Leid nicht lindern konnte“ sagt Baschar. Er spricht sehr leise und sieht erschöpft aus.

Viele der Flüchtlinge, die hier sprechen, reden das erste Mal öffentlich von den Repressionen und körperlichen Qualen, die sie am eigenen Leib erleiden mussten.  „Wir haben nur ein Setting geschaffen und ansonsten nichts vorgegeben. Die Exil-Syrer können sich 24 Stunden täglich das Mikrofon nehmen und reden, wenn sie wollen“, sagt Ruch und fügt an: „Unsere Installation ist eine Art Gefühlsschleuse. Man kommt hier zufällig vorbei, geht in die Container, wird in Gespräche verwickelt und bekommt einen Eindruck dieser reinen Verzweiflung vermittelt, die die syrischen Menschen empfinden.“

Am letzten Tag der Aktion stehen die Künstler und Helfer in kleinen Gruppen um die Container und den Gartenpavillon herum. Es wird gelacht und gescherzt. Fünf Tage lang haben sie gemeinsam den Witterungen getrotzt, haben bei Regen und Hitze vor den Containern ausgeharrt. Das schweißt zusammen. Trotz der ausgelassenen Stimmung herrscht auch Ernüchterung. „Ich bin extrem frustriert über die Abgebrühtheit vieler Deutscher, die hier vorbei gehen“, sagt Ruch.

Er hätte sich mehr Kontroversen um seine Installation gewünscht, dass Menschen aus Wut oder Ekel die Bilder abreißen oder die Container beschädigen. Stattdessen seien die meisten an den Containern vorbei gelaufen, als zeige man hier etwas völlig Normales.

Nicht Wenige sind aber doch stehen geblieben, waren empört oder bewegt und wollten helfen. „Wir haben uns nicht eingebildet, dass man mit einer Aktion wie dieser einen Krieg stoppt“, sagt Ruch, bevor er mit dem Abbau der Installation beginnt, „aber hoffentlich erwächst daraus eine Diskussion, die dann doch etwas bewirkt.“ Für Yasser, einem Architekturstudenten aus Damaskus, der vor anderthalb Jahren nach Deutschland flüchtete und bei der Aktion fast rund um die Uhr vor Ort war, hat sich die Aktion jedenfalls schon jetzt gelohnt. „Die fünf Tage haben mich stärker gemacht. Dieses Gefühl von Freiheit, darüber sprechen zu können, was mir widerfahren ist, was ich denke und wünsche, das war unglaublich schön“, sagt Yasser.

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