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Kunst und Neurowissenschaft : Was Neurobiologen sehen, wenn sie Kunst sehen

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Könnte es aber nicht auch einfach einen rezeptionsgeschichtlichen Grund haben, dass etwa die Sixtinische Kapelle immer noch als unerreichtes Meisterwerk gilt? Es ist doch klar, dass das größte Deckengemälde, zumal an einem zentralen Ort der damaligen Welt, für Aufsehen sorgt. Was aber noch nicht heißt, dass hier jeder Mensch erschüttert wieder rausgeht.

Das heißt es noch nicht, nein.

Oder nehmen Sie die Mona Lisa. Die Besuchermassen schauen fast gar nicht mehr hin und haben trotzdem das Gefühl, Bedeutendes erlebt zu haben. Hier wird doch vielleicht nur ein kultureller Topos zur individuellen Erfahrung umdeklariert?

Das mag sein. Dennoch: Was jemanden wie Professor Zeki an Kunstwerken interessiert, ist zum Beispiel ihre Doppeldeutigkeit, eine Unbestimmtheit, die ja auch viele interessante Werke der Gegenwartskunst auszeichnet, etwa die von Olafur Eliasson, der sich ja für die Effekte seiner Kunst durchaus bei den Erkenntnissen der Neurowissenschaften bedient.

Obwohl die Wirkung von Eliassons Arbeiten schon mit Goethes Farbstudien oder mit Hermann von Helmholtz optischer Forschung aus dem neunzehnten Jahrhundert erklärbar ist. Das sind im Kern relativ alte optische Tricks, ein Spiel mit Nachbildern. Was trägt hier die Neurowisssenschaft bei?

Wir wollen hier ja nicht als Richter oder Großerklärer für Kunst auftreten. Uns geht es darum, gemeinsam neue Perspektiven für Kunst und Wissenschaft zu eröffnen. Es gibt Rahmenbedingungen des Lebens und Fühlens, die wir versuchen zu verstehen.

Die für alle Menschen gelten?

Ja. Wir wollen ja etwas über die Funktionsweise unseres Gehirns lernen. Und Kunst ermöglicht es, diese Rahmenbedingungen anders zu verstehen.

Wie geht man da vor?

Man kann natürlich Probanden vor ein Bild setzen und die Hirnaktivitäten abbilden. Man kann die emotionalen Reaktionen genauso wie die kortikale Erregung der Betrachter aus unterschiedlichen Kulturen untersuchen.

Wären Sie enttäuscht, wenn Sie dabei nur Unterschiede feststellten?

Negative Ergebnisse sind Teil der wissenschaftlichen Arbeit.

Offensichtlich findet die Neurowissenschaft viel Material in der Kunst. Was hat die Kunst von der Neurowissenschaft?

Nehmen Sie einen Künstler und Architekten wie Philippe Rahm. Er hat mit gelb-orangenem Licht einen Raum geschaffen. Man denkt, hier ist es schön sonnig, das muntert mich auf. Aber das Licht macht müde, da das blau-grüne Spektrum ausgefiltert wurde. Die Ausschüttung von Melatonin wird angeregt, ein Hormon, das unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Der Künstler bedient sich hier wissenschaftlicher Erkenntnisse und Hilfsmittel aus der Chronobiologie, um eine paradoxe ästhetische Erfahrung zu ermöglichen.

Die Kunst, die hier entsteht, funktioniert über die Manipulation des Betrachters. Widerspricht das nicht dem Freiheitsgedanken, den ein emphatischer Kunstbegriff immer hat?

Mein persönlicher Freiheitsgedanke ist, dass auch die Kunst vielfältig sein darf. Natürlich treibt diese Kunst mit dem Betrachter ihre Spielchen, aber man könnte auch sagen, dem Betrachter wird ein ästhetisch-körperliches Erlebnis ermöglicht, mit dem er sich danach auseinandersetzt. Oder nehmen wir mal ein Bild von James Turrell. Wir haben da diese doch irgendwie erstaunlich losgelöste Farbe, diese reine Farbe, diese physikalische Wahrnehmung. Und wir wissen dazu, dass Farbe etwas ist, was im Gehirn kreiert wird und was nicht außerhalb existiert. Ist das enttäuschend?

Nein. Aber was sagt es über unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle im Angesicht von Kunst aus?

Ach, wissen Sie, es klingt ja immer der Verdacht durch, als wollten die Neurowissenschaften die Kunst ihrer Freiheit berauben und sie entzaubern. Das ist ein schreckliches Missverständnis.

Es gibt Vertreter Ihres Faches, die Furore mit der Behauptung gemacht haben, sie hätten herausgefunden, es gebe keine Willensfreiheit.

Ja, das ist ein Problem. Der freie Wille ist kein Thema bei uns. Und diese Diskussion über den freien Willen ist, glaube ich, auch ein sehr deutsches Phänomen, das einfach in einen Topf geschmissen wird mit den Anliegen der Neurowissenschaft. Uns geht es nicht um Entzauberung, sondern um gegenseitige Bereicherung.

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