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Kunst : Julia und die Geister

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Unergründliche Traumtänzer: Die Hamburger Kunsthalle zeigt das bislang wenig beachtete Figurenspektrum von Lyonel Feininger. Das meiste davon ist selten oder nie gezeigt worden, vieles stammt aus Privatsammlungen in den Vereinigten Staaten.

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          Den Anfang machte er selbst auf Stelzenbeinen: Die Bildergeschichte von den "Kin-der-kids" in der "Chicago Sunday Tribune" begann am 26. April 1906 mit dem Meister im Großformat auf dem Titelblatt der Beilage. Lyonel Feininger (1871 bis 1956) porträtierte sich dort als Marionettenspieler, der die acht Protagonisten seiner Comic-Serie an Fäden tanzend vorführte. Aus Kinderaugen von unten betrachtet, sah man hochaufgerichtet einen freundlich lächelnden Herrn mit Brille und Riesenfüßen. Ein gelochter Paketanhänger am Ohr stellte ihn vor: "Your Uncle Feininger". Am linken Bildrand steht: "Feininger the Famous German Artist exhibiting the Characters he will create".

          Der charmant vergilbte, ausgefranste Zeitungsdruck aus Chicago und 25 weitere Abenteuer der Odyssee der "Kin-der-kids" sowie dreizehn Folgen vom Kinder-Comic "Wee Willie Winkie's World" eröffnen jetzt in der Hamburger Kunsthalle eine amüsante Ausstellung, die sich das bislang wenig beachtete Figurenspektrum von Lyonel Feininger vorgenommen hat. Feiningers kristalline, menschenleere Ostseelandschaften, seine prismatisch gebrochenen Segelboote und die scharfkantigen, kühnen Architekturbilder wurden bereits früher ausgestellt: 1998 präsentierte die Kunsthalle Zeichnungen und Aquarelle von Gelmeroda bis Manhattan. Drei Jahre später zeigte das Ernst Barlach-Haus Feiningers Karikaturen. Nun hat Kunsthallen-Kurator Ulrich Luckhard mit Sponsorengeldern von B.A.T. und tatkräftiger Unterstützung von Lyonels inzwischen 93 Jahre altem Sohn Lux noch mehr Interessantes aus Feiningers Figuren-OEuvre zusammengeholt - 152 Arbeiten, darunter dreißig Gemälde und dazu Zeichnungen, Radierungen, Gouachen, eine Plastik und zehn in Zelluloid geritzte, aquarellierte Dias zur Projektion auf eine Wand. Das meiste davon ist selten oder nie gezeigt worden, vieles stammt aus Privatsammlungen in den Vereinigten Staaten.

          Prostituierte und Musikanten

          Wie auf einem Mosaik bevölkern Arbeiter, Prostituierte und Musikanten, Pfaffen, Gaukler und Kinder als melancholische Einzelwesen den surrealen Mummenschanz des figürlichen Feininger. Die skurrile Staffage überlanger, flächiger Gestalten, die ständig zu promenieren scheinen, wirkt wie ein bühnenreifes Ensemble unergründlicher Traumtänzer. Sein groteskes Personal in delikaten Farben und radikal eigenem Stil entwickelte Feininger als Karikaturist. Zwischen 1890 und 1911 ernährte sich der spätere Bauhaus-Künstler von Auftragsarbeiten für die satirischen Zeitschriften "Ulk", "Lustige Blätter" und "Das Narrenschiff". Bald frustrierte ihn allerdings das Witzezeichnen, weil die Auftraggeber die Ideen für Karikaturen minutiös vorgaben. Überglücklich war er, als die "Chicago Sunday Times" 1906 zwei Comic-Serien bestellte und ihm dabei völlig freie Hand ließ. Endlich konnte er seinen eigenen Humor und seine Phantasie spielen lassen.

          Was die amerikanische Offerte für ihn bedeutet hatte, schrieb er 1912 an seinen Freund, den Zeichner Alfred Kubin: "Ich habe fast fünfzehn Jahre als Illustrator, zwangsweise, um zu leben, gearbeitet, und es, trotzdem ich mich immer schrecklich quälen mußte . . . zu einem ganz netten ,Ruf' gebracht. Dann, plötzlich, kam die Befreiung! Ein Kontrakt mit Chicago . . . Ich kam zum ersten Mal wieder dazu, überhaupt für mich zu denken und empfinden, und zu arbeiten." Die "Kin-der-kids" und "Wee Willie Winkie's World" waren auch finanziell ein Befreiungsschlag: Zusammen mit seiner neuen Liebe, der Kunststudentin Julia Berg, konnte der in Scheidung lebende Deutschamerikaner für zwei Jahre aus Berlin nach Paris übersiedeln.

          Comics als Katalysator

          Die Arbeit an den beiden Comics wirkte wie ein Katalysator für Feiningers Kunst: Paris wurde zum eigentlichen Geburtsort seiner abgründigen Figuren-Welt. Anreger waren die Romane von Honoré de Balzac, Eugène Sue und Victor Hugo, vor allem aber der wachsende Fundus kleinformatiger "Natur-Skizzen", auf denen Feininger Menschen, die er auf den Pariser Boulevards sah, in Sekundenschnelle zu Papier brachte. Damit schuf er sich ein Repertoire von Figuren, die er später wie Versatzstücke collagenhaft in seine sorgfältig durchdachten, nie spontan gefertigten Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen einbrachte. Von dort war der Weg in die Malerei nicht mehr weit, in der er märchenhafte Gestalten mit Pariser Architektur mischte. 1907 malte Feininger "als vergnügter Greis" von 36 Jahren sein erstes Gemälde.

          Vorlage für den hageren "Weißen Mann", der sich über die ganze Bildhöhe erhebt, wurde seine Zeichnung in der französischen Zeitschrift "Le Témoin". Danach verwandelte er immer häufiger Menschenwesen aus seinen Karikaturen in souveräne Figuren auf Gemälden: 1909 kamen die "Zeitungsleser", 1912 "Die Radfahrer", 1915 die "Trompetenbläser im Dorf". Seine Figurenkompositionen zeigten zunehmend irreale Mini-Welten, die der bestehenden Gesellschaft ähneln, doch nur, um sie aufzubrechen und in Frage zu stellen.

          Heerschar absurder Gestalten

          Lyonel Feiningers Heerschar absurder Gestalten unter einem grünen Viadukt irritierte 1911 sogar den Kollegen Henri Matisse, als er bei der Jahres-Ausstellung im Pariser "Salon des Indépendants" eines seiner Bilder neben Feiningers "Grüne Brücke" hängen sollte. Matisse nahm das eigene Gemälde wieder mit, um es zu überarbeiten. Bis 1917 variierte Feininger seine Menschenbilder. Danach beendete er das figürliche Kapitel seiner Kunst und kam nur noch darauf zurück, wenn sein eigenes Leben ins Schlingern geriet: Feiningers späte Figurenbilder wie der "Rote Clown" (1919) oder der "Rote Geiger" (1934) lassen sich als Gegenwelt und Realitätsflucht in Umbruchsituationen interpretieren. In der Nazi-Zeit durchlebte der Maler schwierige Jahre, bevor er sich nach einem halben Jahrhundert in Deutschland 1937 zur Rückkehr in die Vereinigten Staaten entschloß.

          In New York akklimatisierte er sich schnell. Im Alter von 82 Jahren begann er mit der Tuschfeder liebenswürdige Strichmännchen zu zeichnen, die er bunt aquarellierte. Seine hauchzarten, verschrobenen "Ghosties", "Spooks" oder "Männekins" hat er nicht ausgestellt oder verkauft, sondern ausschließlich verschenkt. Ganze Legionen dieser freundlichen, großäugigen Gespenster beenden die Hamburger Ausstellung. Sie sind ein passender Abschluß. Denn mit solchen Spukgesellen verabschiedete sich Lyonel Feininger von der Kunst. Er starb am 13. Januar 1956 in New York.

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