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Kunst im Kino : Der Maler ist ein Cowboy

Damit das Leben eines Künstlers verfilmt werden kann, muß es allerdings bestimmten Regeln gehorchen. Ein Künstler, dessen Karriere keine Abstürze, Drogenaffären und zahllose Liebeskatastrophen zu bieten hat, keine schöpferischen Kämpfe, die ihn in den körperlichen und physischen Ruin treiben, kein unbedingtes Außenseitertum und unbedingte Prinzipientreue kennt oder all das in seiner Kunst auch noch reflektiert - so ein Künstler ist für den Film vollkommen uninteressant. Anders gesagt: Der Künstler muß ein Cowboy sein. Ein Held, der außerhalb jeder Norm um hohe Werte kämpft, der die Farbe schleudert, als wäre sie ein Lasso, und lieber in der Wüste verdurstet, als einen Schritt auf seinem Weg zurückzugehen. Kein Wunder, daß Jackson Pollocks Leben verfilmt wurde. Der Ironiker und Antipathetiker Andy Warhol, schreibt Doris Berger in ihrem lesenswerten Katalogbeitrag, eignet sich dagegen offenbar nicht zur Verfilmung - zuwenig Leid, zuwenig Geniekult.

Die Seele - eine Tube Ölfarbe

Im Künstlerfilm muß alles als Beweis großer Zerrissenheit und Unbedingtheit herhalten. Daß der Maler Francis Bacon seine Karriere als Möbeldesigner angefangen hatte und die Distorsionen seiner verzerrten Porträts vielleicht gar kein Ausdruck von „leidendem, nacktem Menschsein“ sind, sondern eine formalistische Freude an der kunstvollen Deformation, die ihn schon bei der Gestaltung von Nierentischen interessierte: Solche Einwände dürfen im Film keine Rolle spielen. Alles muß großer, existentieller Kampf mit dem Selbst und der Wahrheit sein, weswegen Schauspieler Künstler stets so darstellen, als würden die ihre Seele ausdrücken wie eine Tube Ölfarbe.

In kaum einem Genre werden Rollenvorstellungen so zementiert wie im Künstlerfilm. Die Männer sind pinselschwingende Cowboys des Geistes, wo Künstlerinnen auftauchen - Artemisia Gentileschi, Camille Claudel oder Frida Kahlo -, gilt das Interesse der Regisseure dagegen nicht so sehr ihren schöpferischen Kämpfen, sondern ihren Körpern.

Spannende Gegenwartskunst

Die in der Ausstellung versammelten Künstler spielen ironisch mit dem Bild, das die Gesellschaft von ihnen produziert: Jean Le Gac zeigt die fiktive Figur eines Malers, dessen Bilder nie jemand sah, und knüpft an die alte Idee vom unsichtbaren Meisterwerk an - „meinen Sie“, fragt schon Conti in Lessings „Emilia Galotti“, „daß Raffael nicht das größte malerische Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden?“ Annette Hollywood führt eine Klischee-Malerin aus der Fernsehserie „Marienhof“ vor, und zwischen all dem hängen die großartigen neodadaistischen Genie-Inszenierungen von Martin Kippenberger.

Mit der Ausstellung zeigt sich wieder einmal, daß es auch jenseits des zum Zentralort für Gegenwartskunst emporstilisierten Kultur-Quadranten um die Auguststraße herum Orte in Berlin gibt, an denen eine spannende Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst stattfindet. Was die NGBK mit dieser Ausstellung bietet, ist das, was man in den staatlichen Museen Berlins, aber auch in den „Kunst-Werken“, die in den letzten Jahren immer mehr mit kuratorischen Carepaketen und Ausstellungszweitverwertungen aus New York abgespeist wurden, zunehmend vermißt: Sie faßt verschiedene Gegenwartskünstler, darunter etliche Arbeiten jüngerer Künstler aus Berlin, unter einem Aspekt, einer These zusammen und präsentiert sie auch für interessierte Laien verständlich - und ist allemal einen Abstecher in die jenseits der Kulturtouristenströme liegende Kreuzberger Oranienstraße wert.

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