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Kunst : Es sieht so aus, als hätte sie den Fall gelöst

          5 Min.

          Oben, in dem engen Flur, über den man das Dachgeschoß betritt, hängt ein Foto von New York, eine Schwarzweißaufnahme ihres Kollegen Thomas Struth. Es ist das einzige Bild von New York, das hier hängt, dabei war sie selbst in New York, am 11. September 2001 - und vermutlich war sie die einzige Fotografin, die an diesem Tag keine Aufnahmen gemacht hat. Es gibt auch keinen größeren Unterschied als den zwischen den Kriegsbildern aus dem Zentrum der westlichen Welt und den stillen, behutsamen Aufnahmen der 1944 geborenen Fotografin Candida Höfer. Lange Zeit weniger bekannt als ihre berühmten Fotografenkollegen Struth, Ruff und Gursky, gilt Höfer spätestens seit ihrer Einladung in den deutschen Pavillon auf der fünfzigsten Kunstbiennale in Venedig als eine der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstlerinnen.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine kalte, klare Distanz herrscht in ihren Bildern, es gibt nichts Unscharfes und nichts Vorbeihuschendes darin, die Farben und Proportionen sind so streng und präzise gesetzt wie auf einem altmeisterlichen Gemälde. Seit Jahren fotografiert sie leere Innenräume, Bibliotheken, Museen, Rundfunkanstalten, Orte der Forschung, der Begegnung, des Wissens. Fast nie sind Menschen auf diesen Bildern zu sehen - und fast jedes dieser Bilder wirkt wie ein Blick in das kollektive Gehirn, in den Maschinenraum der Zivilisation.

          Candida Höfer lebt zurückgezogen in Köln, am Rheinufer, in einem Vorort der Stadt, der eher an die Hamburger Elbvororte erinnert als an das lärmige, enge Kölschtrinkerköln. Das Haus ist fünfunddreißig Jahre alt, ein eleganter, kühler Bau der späten sechziger Jahre. Auch das Haus ist vor allem ein Ort der Distanz, ein Haus wie ein Foto von Höfer: leer, groß, hell. Keine vollgerümpelten Räume, viel Licht, viel Abstand zu den Nachbarn. An den Wänden hängen Arbeiten von Freunden, daneben Aufnahmen der jungen Candida Höfer von 1968.

          Träge zieht der Fluß vorbei

          Es ist das Haus ihres Vaters, des Journalisten und Moderators Werner Höfer, der 1997 starb. Eine Außentreppe führt in den dritten Stock, wo sie Besucher empfängt. Dort sitzt die Fotografin in einem hellen Raum, bei offenem Fenster, Blütenpollen treiben wie Schneeflocken durch den Raum und über den Tisch, auf dem einige der Fotos für den Biennale-Pavillon liegen. Draußen beginnt es zu regnen. Wie auf der Kommandobrücke eines Ozeanriesen steht man hier oben, träge zieht der Fluß vorbei und verlangsamt den Takt, nur manchmal kommen an diesem frühen Abend Autos vorbei. Es herrscht die gleiche Farbigkeit wie in vielen ihrer Fotografien: ein dunstiges Grün, gebrochene Weißtöne, das Halblicht eines regnerischen Nachmittags. An den Wänden hängen Fotos von ihr, Blicke in Räume. Man schaut aus breit verglasten Fenstern wie aus einem landenden Raumschiff auf den ruhig vorbeiziehenden Rhein, der von hier aus betrachtet an ein Foto von Ruff oder Gursky erinnert. In dem Raum steht nicht viel, ein kleiner Fernseher von Brionvega und ein Macintosh-Computer, der Bildschirmschoner zeigt ferne Planeten: Bilder der Distanz, wohin man schaut.

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