https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/kunst-bilder-auf-knopfdruck-1101669.html

Kunst : Bilder auf Knopfdruck

  • -Aktualisiert am

Ein Mammutprojekt: Die Londoner Tate Gallery bemüht sich, die in alle Welt zerstreuten Werke J. M. W. Turners zu erfassen und, wenn möglich, im Internet abzubilden.

          2 Min.

          Früher stöberten Kunsthistoriker in Büchern, um unzugängliche oder verschollene Werke der Meister zu finden, die sie studierten. Mit der Lupe fuhren sie über körnige Abbildungen und kamen mitunter zu eklatanten Fehlschlüssen. Wie viel sich in den letzten Jahren verändert hat, führt das Turner Projekt der Tate in London nun vor Augen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das Museum, das den aus rund dreißigtausend Gemälden, Skizzen und Aquarellen bestehenden Nachlaß des Künstlers besitzt, hat nicht nur den eigenen Bestand ins Netz gestellt. Seit einem Jahr bemüht man sich zudem, sämtliche, in alle Welt zerstreute Werke J. M. W. Turners in privaten und öffentlichen Sammlungen zu erfassen und, wenn möglich, abzubilden.

          Das Inventar von Turner Worldwide, das sich inzwischen auf mehr als 2200 Eintragungen beläuft, ist seit gestern im Internet zugänglich. Zu den wichtigsten Funden, die durch einen weltweiten Appell an Museen, Händler und Sammler zustande kamen, gehört ein Aquarell der Burg von Harlech, das Turners leidenschaftlichem Anhänger und Fürsprecher, dem Kunstkritiker John Ruskin gehörte. Er hatte das Blatt 1840 für 63 Pfund erworben, kein geringer Betrag für damalige Verhältnisse, auch wenn es heute ein Vielfaches dieses Preises erzielen würde. Ruskin scheint sich in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts davon getrennt zu haben. Danach verlor sich die Spur; die Forschung mußte mit einem Stich Vorlieb nehmen. Nun konnte das Original in einer amerikanischen Privatsammlung lokalisiert werden.

          Falsche Bezeichnung

          Andere Werke, wie die "Szene in Derbyshire", die 1827 in der Royal Academy ausgestellt wurde, galten als verschollen. Dank des Projekes stellt sich nun heraus, das das Bild, das im Musée National des Beaux-Arts in Québec aufgefunden wurde, bloß mit einer falschen Bezeichnung gelistet war. In Québec hing das Bild unter dem Titel "Bei Northcourt" auf der Isle of Wight.

          Von Ulster bis Dunedin in Neuseeland, von Lissabon bis zum japanischen Tochigi haben mehr als hundert öffentliche und private Sammmlungen an dem von British Telecom und der britischen Staatslotterie subventionierten Projekt mitgewirkt. Rund vierhundert Werke, von den man durch frühere Erwähnungen in Katalogen und anderswo weiß, werden noch gesucht, um das Bild Turners zu vervollständigen. Durch die Auflistung von Werken, die in dem zuletzt vor zwanzig Jahren überarbeiteten Werkverzeichnise fehlen, wird die Forschung auf den aktuellen Stand gebracht.

          Auf Knopfdruck kann der Benutzer Turner nun auf seinen Reisen durch Europa begleiten. Er braucht auf der Landkarte nur einen Fleck anzuklicken, um zu sehen, welche Bilder dort eintsanden sind. Einzelne Werke können nach Titeln oder Standorten gesucht werden. Auf diese Weise wird das gesamte OEuvre jedermann zugänglich gemacht. In Cincinatti oder Wladiwostock können Turner-Liebhaber ihren Forschungen am Computer nachgegen. Gegen das Courtauld-Institut wurde oft eingewandt, daß die Studenten Meisterwerke auf Dia betrachteten anstatt die Originale aufzusuchen. Es bleibt zu hoffen, daß der Bildschirm den Museumsbesuch künftig nicht ersetzt. An der Bibliothek allerdings kommen die Turner-Forscher vorerst nicht vorbei. Denn das Projekt ist ein Bildarchiv, das lediglich Titel, Datum und Standort angibt.

          Weitere Themen

          Sieben Mal Lebensmut

          Schoa-Überlebende : Sieben Mal Lebensmut

          Niemand, der nicht da gewesen sei, kann verstehen, wie es war: Auf Anregung von Prinz Charles wurden Porträts von sieben Holocaust-Überlebenden angefertigt, die heute in England leben.

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Kranzniederlegungszeremonie am Berliner Holocaustdenkmal (v.l.n.r.): Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Knesset-Parlamentspräsident Mickey Levy, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

          Holocaust-Gedenken : Eine Vergangenheit, die alle angeht

          In einer Gedenkstunde wendet sich die Bundestagspräsidentin dagegen, aus falsch verstandener Toleranz nachgiebig gegen Antisemitismus zu sein. Die Holocaust-Überlebende Auerbacher wünscht sich die „Versöhnung aller Menschen“.