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Kulturgeschichte des Oralen : Die zweite Geburt aus dem Mund

Tabuzone Rachenraum: Wie Zähne, Zunge, Lippen allmählich aus der Kunst verschwanden und in einer Wolfsburger Ausstellung wiederkehren.

          4 Min.

          Wie viele echte Zähne der jetzige amerikanische Präsident noch im Mund trägt, ist unbekannt. Von Abraham Lincoln hingegen weiß man, dass er bei seiner Vereidigung nurmehr einen originalen Zahn besaß. Alle anderen waren – wie seit der Steinzeit üblich – aus Elchkiefer zurechtgeschnitzt und eingesetzt worden. Derartig paraphernales Wissen um Zähne, Mundhöhle, Zunge, Lippen und alles, was damit ausgeübt werden kann, zeigte die Schau „In aller Munde“ im Kunstmuseum Wolfsburg, die aber nach dem vergangenen Eröffnungswochenende wegen des einmonatigen Lockdowns gleich wieder ihre Pforten schließen musste, obwohl die Kuratorin Uta Ruhkamp schon im Vorfeld dem Mund- und Rachenraum „als Schauplatz des hochinfektiösen Desasters Corona“ eine Aktualität zuschrieb, die „man im Zuge der Ausstellungsvorbereitung nicht erwartet hatte“ und die den Mund „sehr zentral ins Zentrum gesellschaftlicher, politischer und medialer Debatten gerückt“ hätte.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist so im Grunde nicht richtig, denn der Mund spielt weder vor noch seit Corona im öffentlichen Bewusstsein eine größere Rolle. Zeit also, sich zu fragen, warum dies so sein könnte. Und da einer der drei Kuratoren der Wolfsburger Schau, Hartmut Böhme, Kulturwissenschaftler ist und mit der ebenfalls kuratierenden Zahnärztin Beate Slominski seit Jahren das Thema beforscht, eröffnet sich hier die erstmalige Gelegenheit, in die Tabuzone Mundraum kulturgeschichtlich einzutauchen.

          Alles mit'm Mund: Der Künstler Benjamin Houlihan bemalte eine Wand im Kunstmuseum Wolfsburg mit einer Mischung aus Quark und Lebensmittelfarbe allein mittels der Zunge.
          Alles mit'm Mund: Der Künstler Benjamin Houlihan bemalte eine Wand im Kunstmuseum Wolfsburg mit einer Mischung aus Quark und Lebensmittelfarbe allein mittels der Zunge. : Bild: dpa

          Zuerst zurück zu Abe Lincolns schlechten Zähnen: Die hart aus uns herauswachsenden Miniaturfelsen können für empfindlichste Schmerzen sorgen, und das bisweilen traumatisierte Gedächtnis an unschöne Zahnbehandlungen lässt uns diesen Körperbereich wohl meist ausblenden oder gar verdrängen. Wer aus Süddeutschland stammt, dem sind die Lüftlmalereien der Sancta Apollonia, der Schutzheiligen der Zahnärzte, an deren Praxenaußenwänden vertraut: Bei unbetäubtem Mund sollen römische Folterknechte der frühchristlichen Märtyrerin des dritten Jahrhunderts die Zähne ausgerissen haben, weshalb sie als Attribut stets einen von einer Kneifzange umklammerten Backenzahn vorweist.

          Bei Andy Warhols heiliger Apollonia etwa spielt sich das Vorzeigen des gezogenen Zahns vor einem blutroten Hintergrund ab. Wie sehr die Wahrnehmung der Zähne von den jeweiligen Schönheitsidealen abhängig und in den genannten Fällen eurozentristisch geprägt ist, zeigt die Forschungsunterabteilung Ethnomedizin in der Dentalkultur: Herrscht in Europa und den Vereinigten Staaten Bauhaus-Weiß auch in der Zahnfassade vor, gibt es in Afrika und Südamerika Kulturen, bei denen braune oder stark eingefärbte Zähne als schön gelten. Ebenso müssen Zähne andernorts nicht ihre Intaktheit ausstellen, können im Gegenteil in diversen Formen abgefeilt, abgebrochen oder wie im polynesischen Inselkönigreich Tonga in der Technik des dem japanischen Kintsugi ähnelnden „nifo koula“ mit goldenen Mustern überzogen sein. Diese Goldornamente werden dort allerdings nur matrilinear übergeben, während die außereuropäisch inspirierten „Grills“ als metallischer Kühlergrill im Gesicht noch immer überwiegend von männlichen Rappern getragen werden.

          Zähne bestimmen aber auch den menschlichen Lebenszyklus vom ersten bis zum letzten Abschnitt, wie es die barocke Allegorik gern ins Bild setzte, also vom ersten Biss in vernünftige Nahrung bis zur früher bei geringem Einkommen unweigerlichen Verdammung zu Brei und Schlabbersüppchen am Lebensabend. Auch in archäologischen Zeitdimensionen sind Zähne das Einzige, das neben winzigen Knochenresten vom Menschen übrig bleibt, so dass Paläontologen kriminologisch anhand dieser bestimmen können, ob ein Steinzeitmann oder eine Frau vorliegt, ein Links- oder Rechtshänder, was diese aßen und wie alt sie wurden.

          Wenig verwunderlich angesichts dieser urgeschichtlichen Härte ist, dass Zähne tatsächlich auch die größte Kraft im Körper repräsentieren. Fand man schon Freunde gruselig, die zu vorgerückter Stunde Bierflaschen mit ihrem Gebiss öffneten, so erstaunte erst recht der Weltrekord eines Menschen, der einen tonnenschweren Zugwaggon mit den Zähnen zu ziehen vermochte, ohne dabei einen einzigen einzubüßen. Zähne können Knochen durchbeißen, besitzen aber zugleich eine erstaunliche sensorische Sensibilität, die Differenzen im Mikrometerbereich erspüren kann.

          Mit die häufigsten Reliquien in den Kirchenschätzen des Mittelalters sind Zahnreliquien der Heiligen, nicht nur der heiligen Apollonia, sondern auch Johannes des Täufers in Genua, Notre-Dame in Paris oder in einem besonders prächtigen Reliquiar im Kunsthistorischen Museum Wien. Zu den sehr wenigen sogenannten Herrenreliquien, den irdischen Überbleibseln Christi vor der leiblichen Auffahrt in den Himmel, zählen dessen Milchzähne, die im Mittelalter entsprechend stark verehrt wurden. Bevor das Essen aber vom Gottessohn oder von Normalsterblichen zerkleinert werden konnte, musste es erst einmal zum Mund geführt werden. Die eigentliche Menschwerdung sehen Kulturwissenschaftler in der feinmotorischen Ausprägung des „Begreifens“ mit der Hand, wobei die orale Phase des Alles-in-den-Mund-Steckens anders als in früheren Zeiten heute früh und zusammen mit dem Mundraum dahinter tabuisiert wird.

          Die Tabuisierung der Mundhöhle aus dem Geist des Zahnschmerzes setzt sich fort in dem Befund, dass die Kunstgeschichte nur selten Menschen mit lachenden Mündern zeigt. Bei Christus beispielsweise überwiegt klar die Ikonographie des Schmerzensmanns, lachend wird er nie dargestellt. Nur sturzbetrunkene Bauern, Alte und Kinder etwa bei Brueghel verlieren die Kontrolle und entgrenzen sich zu einem schiefen Lachen. Die Maler hingegen beherrschen ihr Mundwerk, halten die Contenance. Gleiches gilt für schmerzverzerrte Münder und Schmerz an sich, dessen Nichtdargestelltsein Lessing bekanntlich bei der antiken Laokoon-Gruppe ausdrücklich als künstlerische Würdeform lobt. Auch hier sind es eher Negativcharaktere wie Gefolterte und Verdammte, die ungehemmt Schmerz mit zum Schrei geöffnetem Mund zeigen. Das Dämonische von Edvard Munchs „Schrei“ resultiert ja just aus jener Tabuisierung des zum unheimlich-unergründlichen O geöffneten Mundes, der uns zu verschlingen droht wie Monstermäuler oder scharf bezahnte Höllenschlünde im Mittelalter, hinter denen der Teufel in Drachengestalt lauert. Bis ins achtzehnte Jahrhundert wurde vielerorts geglaubt, die satanischen Schmerzen würden von einem „Zahnwurm“ im Innern der Pulpahöhle verursacht.

          Das älteste Exponat der Wolfsburger Schau ist übrigens nicht ein Steinzeitzahnersatz à la Abraham Lincoln, sondern eine rund 2600 Jahre alte Bronzefigur der stillenden Göttin Isis mit ihrem Söhnchen Harpokrates. Bekanntlich übernahmen die frühen Christen das in Rom seit der Ägyptenmode unter Caesar wohlbekannte Kultbild der stillenden Isis lactans für ihre Zwecke. Wie der kleine Harpokrates dort seine Lippen erwartungsfroh spitzt, macht auf hohem künstlerischen Niveau schlagartig deutlich, warum Kulturwissenschaftler den oralen Reiz und das dadurch ermöglichte Überleben der ansonsten völlig hilflosen Menschenkinder als „zweite Geburt“ definieren. Dass die Erwachsenenversion dieser Darstellung als Caritas Romana eine der beliebtesten Ikonographien und Schlafzimmerbilder der Renaissance und des Barocks war, wundert insofern schon kaum mehr.

          In aller Munde. Von Pieter Bruegel bis Cindy Sherman. Im Kunstmuseum, Wolfsburg; wieder geöffnet ab dem 1. Dezember bis zum 5. April 2021. Der Katalog kostet 45 Euro.

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