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Kulturgeschichte des Oralen : Die zweite Geburt aus dem Mund

Wenig verwunderlich angesichts dieser urgeschichtlichen Härte ist, dass Zähne tatsächlich auch die größte Kraft im Körper repräsentieren. Fand man schon Freunde gruselig, die zu vorgerückter Stunde Bierflaschen mit ihrem Gebiss öffneten, so erstaunte erst recht der Weltrekord eines Menschen, der einen tonnenschweren Zugwaggon mit den Zähnen zu ziehen vermochte, ohne dabei einen einzigen einzubüßen. Zähne können Knochen durchbeißen, besitzen aber zugleich eine erstaunliche sensorische Sensibilität, die Differenzen im Mikrometerbereich erspüren kann.

Mit die häufigsten Reliquien in den Kirchenschätzen des Mittelalters sind Zahnreliquien der Heiligen, nicht nur der heiligen Apollonia, sondern auch Johannes des Täufers in Genua, Notre-Dame in Paris oder in einem besonders prächtigen Reliquiar im Kunsthistorischen Museum Wien. Zu den sehr wenigen sogenannten Herrenreliquien, den irdischen Überbleibseln Christi vor der leiblichen Auffahrt in den Himmel, zählen dessen Milchzähne, die im Mittelalter entsprechend stark verehrt wurden. Bevor das Essen aber vom Gottessohn oder von Normalsterblichen zerkleinert werden konnte, musste es erst einmal zum Mund geführt werden. Die eigentliche Menschwerdung sehen Kulturwissenschaftler in der feinmotorischen Ausprägung des „Begreifens“ mit der Hand, wobei die orale Phase des Alles-in-den-Mund-Steckens anders als in früheren Zeiten heute früh und zusammen mit dem Mundraum dahinter tabuisiert wird.

Die Tabuisierung der Mundhöhle aus dem Geist des Zahnschmerzes setzt sich fort in dem Befund, dass die Kunstgeschichte nur selten Menschen mit lachenden Mündern zeigt. Bei Christus beispielsweise überwiegt klar die Ikonographie des Schmerzensmanns, lachend wird er nie dargestellt. Nur sturzbetrunkene Bauern, Alte und Kinder etwa bei Brueghel verlieren die Kontrolle und entgrenzen sich zu einem schiefen Lachen. Die Maler hingegen beherrschen ihr Mundwerk, halten die Contenance. Gleiches gilt für schmerzverzerrte Münder und Schmerz an sich, dessen Nichtdargestelltsein Lessing bekanntlich bei der antiken Laokoon-Gruppe ausdrücklich als künstlerische Würdeform lobt. Auch hier sind es eher Negativcharaktere wie Gefolterte und Verdammte, die ungehemmt Schmerz mit zum Schrei geöffnetem Mund zeigen. Das Dämonische von Edvard Munchs „Schrei“ resultiert ja just aus jener Tabuisierung des zum unheimlich-unergründlichen O geöffneten Mundes, der uns zu verschlingen droht wie Monstermäuler oder scharf bezahnte Höllenschlünde im Mittelalter, hinter denen der Teufel in Drachengestalt lauert. Bis ins achtzehnte Jahrhundert wurde vielerorts geglaubt, die satanischen Schmerzen würden von einem „Zahnwurm“ im Innern der Pulpahöhle verursacht.

Das älteste Exponat der Wolfsburger Schau ist übrigens nicht ein Steinzeitzahnersatz à la Abraham Lincoln, sondern eine rund 2600 Jahre alte Bronzefigur der stillenden Göttin Isis mit ihrem Söhnchen Harpokrates. Bekanntlich übernahmen die frühen Christen das in Rom seit der Ägyptenmode unter Caesar wohlbekannte Kultbild der stillenden Isis lactans für ihre Zwecke. Wie der kleine Harpokrates dort seine Lippen erwartungsfroh spitzt, macht auf hohem künstlerischen Niveau schlagartig deutlich, warum Kulturwissenschaftler den oralen Reiz und das dadurch ermöglichte Überleben der ansonsten völlig hilflosen Menschenkinder als „zweite Geburt“ definieren. Dass die Erwachsenenversion dieser Darstellung als Caritas Romana eine der beliebtesten Ikonographien und Schlafzimmerbilder der Renaissance und des Barocks war, wundert insofern schon kaum mehr.

In aller Munde. Von Pieter Bruegel bis Cindy Sherman. Im Kunstmuseum, Wolfsburg; wieder geöffnet ab dem 1. Dezember bis zum 5. April 2021. Der Katalog kostet 45 Euro.

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