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Kunst und Codes : Digitales Tulpenfieber

In „Bloemenveiling“ (Blumenauktion) schaltet Anna Ridler in Basel und auf der Website http://bloemenveiling.bid über ihre Techno-Tulpen die Erinnerung an den Tulpenwahn, der im 17. Jahrhundert die Niederlande in eine Wirtschaftskrise trieb, mit heutigen Spekulationen um Krypto-Währungen kurz. Videos der KI-Blumen werden verpixelt über eine Blockchain versteigert, wobei von Ridler programmierte Bots gegen menschliche Bieter antreten. Wer den Zuschlag erhält, erwirbt ein unverschlüsseltes Video – für hundert Tage. Dann stirbt die Blüte; manche auch früher, weil sie ein Virus in sich trägt. Das evoziert Vanitas-Gedanken im digitalen Perfektionismus, stellt die Frage nach der Autorschaft und dem Wert digitaler Werke und inszeniert den Künstler als Daten-Sämann, der keine Kontrolle über das in die Black Box einer sich selbst steuernden Maschine verlegte schöpferische Wachstum hat. Vom Garten ihrer Mutter inspiriert, hat Anna Ridler eine Spekulationsblase geschaffen. Vielleicht aber auch nur einen Sandkasten für Bots, von denen sich bald wohl mehr als Menschen online bewegen werden. Das Maschinelle wird zur Norm, das Humane zur Abweichung.

Ein Duett von Mensch und Maschine

Diese Inversion, die Verlagerung der Gewichte auf die Seite der selbstlernenden Maschinen, steckt als ebenso faszinierende wie erschreckende Vorstellung in vielen der präsentierten Werke. Der Kunstverein Hannover stellt neue KI-Arbeiten neben andere, schon einige Jahre alte Digitalkunst wie eine der verhaltenspsychologischen Studien, die Harun Farocki durch nonkonformistisches Verhalten mit Figuren aus Computerspielen anstellt („Parallele IV“ von 2014). Wie ein lebendes Fossil aus dem Industriezeitalter wirkt dagegen das erste Objekt, „Untitled“ (2006/07) von Arcangelo Sassolino, ein scheinautonomes Monster: Ein hydraulischer Greifarm versucht seine sechs Krallen gleich einer teilamputierten Riesenspinne in den Steinboden zu schlagen, taumelt unter Getöse umher und hinterlässt Kratzspuren, die sich zu einem gestischen Liniengewirr verbinden.

Die Maschine abrichten zum Zeichenwerkzeug: Wie dieser Ansatz mit Mitteln der KI weiterentwickelt wird, zeigte bei der Eröffnung der Ausstellung im Kunstverein Sougwen Chung mit ihrer Performance „Drawing Operations“. Eine Frau zeichnet Weiß auf Schwarz (da ist sie wieder, die Inversion), eine Kamera erfasst ihr Tun, künstliche neuronale Netzwerke errechnen mögliche nächste Bewegungszüge, Roboterarme führen sie aus. Mensch und Maschine wirken im Duett, was vor allem konzeptionell fasziniert. Grafisch ist das entstandene Linienknäuel von eher niedrigem Reiz.

Anders sieht das bei Mario Klingemann aus. Der Münchner ist vom Pionier der Datenkunst längst zu einem Star aufgestiegen; eine seiner interaktiven Arbeiten ist zurzeit in London zu sehen, eine in Basel im HeK: „Uncanny Mirror“ heißt der digitale Spiegel, in dem eine Kamera den Ausstellungssaal nach Gesichtern abscannt und ein GAN versucht, diese ausgehend von eingespeisten Bilddaten zu reflektieren. Ein unendlicher Bildstrom wie aus einem Albtraum Francis Bacons entsteht: Die Netzwerke erkennen uns nicht, sondern unterwerfen uns ihren Mustern. Sie halluzinieren; in ihren „Träumen“ zerfließen Körper und Identitäten. In Hannover variiert Klingemann mit „Mistaken Identity“ das Spiel auf zwei altmeisterlich holzgerahmten Bildschirmen, in denen GAN kunsthistorische Porträts zu verzerrten Antlitzen verkneten: links maskulin-dunkel, wie in Öl gemalt, recht feminin-pudrig, wie mit Pastellkreide gezeichnet. Peinture automatique – die Nähe zum Surrealismus unterstreicht eine Retro-Kommode, die den Rechner birgt.

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