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Kuba : Entzaubert Trauer um Kuba: Die Linke kehrt Fidel Castro den Rücken

Kuba, eine viel zu lang gehätschelte Utopie, deren kräftigste Nahrung die oft tumbe Aggressivität des amerikanischen Nachbarn war, gibt sich als vergreiste Diktatur ohne einen Hauch gesellschaftspolitischer Vision zu erkennen.

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          Fidel Castro macht Fehler und merkt es nicht mehr: Das ist eine Wahrheit, an der selbst der wohlwollendste Beobachter nach den hastig vollstreckten Todesurteilen gegen drei Schiffsentführer sowie den massiven Gefängnisstrafen für fünfundsiebzig kubanische Dissidenten und Bürgerrechtler nicht mehr vorbeikann. Ein augenrollender Starrkopf rudert mit den Armen, um beiseitezufegen, was sich in seiner Umgebung regt.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das Schauspiel ist so empörend wie rätselhaft. Denn vermutlich hat kein Diktator der Welt so viele Chancen bekommen, seine Herrschaft zu mildern und zu humanisieren; niemand hatte soviel Zeit wie Castro, Fehler auszubügeln und das marode System zu reparieren. Die letzten vier Jahrzehnte haben ja nicht nur gezeigt, daß selbst die kleinste Geste guten Willens wahrgenommen und akklamiert wird. Diese langen Jahre sind auch die Leistung einer tapferen, bewundernswert selbstgenügsamen Bevölkerung. Es könnte sein, daß die vereinzelten Solidaritätsadressen Prominenter in Richtung Karibik, ob sie nun von Diego Maradona stammen oder Gabriel García Márquez, in Wahrheit nicht dem greisen Führer, sondern vor allem dem kubanischen Volk gelten.

          "Mit Überraschung und Schmerz"

          Das Volk aber wird im allgemeinen nicht gefragt. Statt seiner reden die Künstler. Fast dreißig von ihnen, darunter international bekannte Namen wie der Schriftsteller Miguel Barnet, die Sängerin Omara Portuondo, der Liedermacher Silvio Rodríguez und der Filmregisseur Humberto Solas, haben soeben einen offenen Brief an ihre Kollegen aus Europa und Lateinamerika gerichtet, in welchem sie abermals um Solidarität bitten. Das Schreiben trägt den Titel "Botschaft aus Havanna an die Freunde, die fern sind", und wenn das Ganze nicht so trist wäre, könnte man sentimental werden. "Mit Überraschung und Schmerz", so heißt es dort, habe man in Kuba zur Kenntnis genommen, daß die Manifeste der "antikubanischen Propaganda" nicht nur die Unterschriften der üblichen Hetzer trügen, sondern auch "die geliebten Namen einiger Freunde".

          Dann folgt eine logische Volte, die man in Osteuropa wohl besser zu würdigen weiß als anderswo: "Bedauerlicherweise und ohne Absicht dieser Freunde handelt es sich um Texte, die in einer großen Kampagne benutzt werden, um uns zu isolieren und das Feld zu bereiten für eine militärische Aggression der Vereinigten Staaten gegen Kuba." Das eigene Argument durchzuboxen, indem man die Gegenseite für ahnungslos erklärt, entspricht guter totalitärer Tradition. Diesmal jedoch werden die kubanischen Künstler - darunter approbierte Kollaborateure des Überwachungsstaats - wenig Erfolg haben. Denn am anderen Ende befinden sich meinungsstarke, kampferprobte Köpfe, um nicht zu sagen, ein gesammeltes Heer von Intellektuellen, das sich zu allen Themen zwischen Rüstungsindustrie und Ozonloch zu Wort zu melden pflegt, von Mario Vargas Llosa bis zu Günter Grass. Daß ausgerechnet Grass Gefahr laufen könnte, "das Spiel der Vereinigten Staaten zu spielen", wie der offene Brief formuliert, dürfte kaum jemand im Ernst befürchten.

          Ebendarin liegt das Neue an der kubanischen Misere: Selbst linke Intellektuelle wenden sich in diesen Tagen entgeistert von Castros Staat ab, nicht nur ein Günter Grass, sondern auch bekennende Marxisten wie José Saramago oder Eduardo Galeano. Castros Trick, den Irak-Krieg als Paravent für die brutalste Repression seit Jahren zu benutzen, hat niemanden getäuscht. Kuba, eine viel zu lang gehätschelte Utopie, deren kräftigste Nahrung die oft tumbe Aggressivität des amerikanischen Nachbarn war, gibt sich als vergreiste Diktatur ohne einen Hauch gesellschaftspolitischer Vision zu erkennen.

          "Vergesellschaftung des Elends"

          Wie stark das im intellektuellen Milieu schmerzt, zeigt ein Beitrag des mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes in der Dienstagsausgabe von "El País". Nach fast einem halben Jahrhundert kubanischer Revolution sei die Insel immer noch abhängig: seinerzeit von sowjetischen Subventionen, heute vom Tourismus und der Prostitution. In der Tat wird trotz flammender Revolutionsrhetorik des "Comandante" und Polizeipräsenz an jeder Straßenecke nirgendwo so unverstellt gehandelt und gehökert wie in Havanna: mit Zigarren, Wohnungen, Frauen.

          Die "Vergesellschaftung des Elends", wie der im Londoner Exil lebende Schriftsteller Guillermo Cabrera Infante die kubanische Wirtschaftsform schon vor fast zwanzig Jahren nannte, läßt der Bevölkerung keine andere Wahl. Das bedeutet allerdings nicht, daß man sehnsüchtig auf den Kapitalismus des großen Nachbarn warten würde. Im Gegenteil, gerade die Kritiker Kubas erklären sich gleichzeitig zu Gegnern Amerikas. "Gegen Bush und gegen Castro", mit dieser Formel schließt der Kommentar von Carlos Fuentes.

          Die Unwahrscheinlichkeit eines "dritten Wegs", der auch bei Fuentes als ferne Hoffnung aufschimmert, macht die Lage der Karibikinsel so prekär. Denn es gibt ja nicht nur die Konformen drinnen und die Systemgegner draußen, etwa im kubanischen Exil von Miami, das ein starkes Wählerpotential darstellt und bereit ist, zur Durchsetzung seiner Ansprüche erheblichen Druck auf die amerikanische Politik auszuüben. Es gibt auch die Bewohner einer buntscheckigen kubanischen Diaspora zwischen Paris, Madrid, Barcelona und Mexiko-Stadt. Und es gibt die stille Opposition auf der Insel selbst, Leute, die womöglich reisen dürfen, aber keine eigene E-Mail-Adresse haben, weil die Wächter des Systems "Subversion" und "antikubanische" Aktivitäten argwöhnen. Mit seiner jüngsten Repressionswelle hat Castro deshalb nicht seine erklärten Feinde getroffen, sondern die Moderaten, Bescheidenen und Geduldigen. So etwas nennt man Blindheit.

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