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Öffentliche Kunst : Die Tyrannei der Beleidigten

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2015 wurde das Denkmal des englischen Kolonisten Cecil Rhodes an der Universität Kapstadt entfernt. Daraus entstand eine globale Protestbewegeung, der das Oriel College in Oxford nicht nachgab.
2015 wurde das Denkmal des englischen Kolonisten Cecil Rhodes an der Universität Kapstadt entfernt. Daraus entstand eine globale Protestbewegeung, der das Oriel College in Oxford nicht nachgab. : Bild: Reuters

Ähnlich wie Bildwerke im öffentlichen Raum gerät auch das Brauchtum zunehmend durch politisch korrekten Fundamentalismus in Bedrängnis. Es häufen sich Forderungen, die traditionelle Festkultur von allen Motiven zu säubern, die als anstößig empfunden werden könnten. Die Niederlande erleben seit Jahren Kampagnen für die Abschaffung der Figur des Zwarte Piet, denn der auf eine Tradition des neunzehnten Jahrhunderts zurückgehende dunkelhäutige Helfer des heiligen Nikolaus gilt seinen Kritikern als Ausgeburt des Rassismus. In den Vereinigten Staaten, dem Mutterland und nimmermüden Labor der politischen Korrektheit, sind mittlerweile Verbote traditioneller Halloween-Kostüme üblich, die durch schwarze Masken, Indianerschmuck, freizügige Betonung des weiblichen Körpers oder auch nur stereotype Berufsbekleidung als ethnisch diskriminierend oder frauenfeindlich angesehen werden könnten. Auch im deutschen Karneval mehren sich die Forderungen nach einer Kostümzensur. „Ethno-Klischees“ wie Afroperücken oder Turbane werden ebenso auf den Index gesetzt wie als Frauen verkleidete Männer. Die neuen Sittenwächter wittern überall Rassismus, Sexismus und Homophobie oder auch „Transfeindlichkeit“, überbieten sich gegenseitig im Aufspüren vermeintlichen Fehlverhaltens und vergessen dabei vollends, dass Karneval ähnlich wie Satire und Karikatur gerade von Grenzübertretungen und vom Spiel mit Klischees lebt.

Intellektuelle Entmündigung des Betrachters

Unübersehbar ist auch der Rückgang der Toleranz gegenüber historischem Sprachgebrauch in der Literatur, der nicht zur heutigen Utopie einer diskriminierungsfreien Weltgesellschaft passt. Vor allem Kinderbücher werden nach anstößigen Begriffen durchkämmt. Bei Neuausgaben sind Eingriffe in den Text an der Tagesordnung. Aus dem „Negerkönig“ in „Pippi Langstrumpf“ wurde ein „Südseekönig“ – der allerdings aus postkolonialer Perspektive auch keineswegs unverdächtig ist –, in Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ gibt es keine „Negerlein“, keine „Eskimofrauen“ und keinen „Hottentottenhäuptling“ mehr. Indem sie das aus heutiger Sicht Verstörende ausmerzen, erschweren solche Bereinigungen des Wortlauts das historische Verständnis der Bücher im Kontext ihrer Zeit. Die Entscheidung für einen Eingriff kann in Einzelfällen gleichwohl angemessen sein. So spricht wohl einiges dafür, zumindest die im heutigen Sprachgebrauch eindeutig herabsetzenden Begriffe – allen voran den „Neger“ – den Kindern und ihren Eltern zuliebe zu vermeiden. Denn Erstere neigen dazu, solche Begriffe mangels kritischer Distanz ungeprüft in ihren Wortschatz zu übernehmen, und für Letztere ist es nicht unbedingt eine Freude, sich beim Vorlesen mit notwendigen historischen Erklärungen unterbrechen zu müssen.

Offenbar wird aber auch gebildeten Erwachsenen immer weniger die Erkenntnis zugetraut, dass historische Begriffe aus ihrer Zeit heraus zu verstehen sind. Ein Beispiel dafür liefert das Rijksmuseum in Amsterdam mit seiner Kampagne zur Umbenennung von mehreren hundert Kunstwerken, deren Titel heute politisch inkorrekt klingen. Der Begriff „Neger“ wird von den Beschriftungen ebenso verbannt wie „Indianer“ oder „Eskimo“. Die Museumsleitung will damit verhindern, dass sich irgendjemand auf der Welt durch einen historischen Bildtitel beleidigt fühlen könnte. Sie merkt aber nicht, dass sie durch einen Akt intellektueller Entmündigung des Betrachters jene beleidigt, denen sie am stärksten verpflichtet ist: die Besucher nämlich.

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