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Biennale in Venedig : Türkisch-armenische Völkerverständigung im sakralen Raum

  • -Aktualisiert am

Bei der Biennale in Venedig hat der türkisch-armenische Künstler Sarkis ausgerechnet den türkischen Pavillon in einen sakralen Ort verwandelt. Ein Gespräch mit dem Künstler und der Kuratorin über Friedfertigkeit und Protest.

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          Im Vorfeld der Kunst-Biennale in Venedig sorgte die Ankündigung für Aufsehen: Der Konzeptkünstler Sarkis wurde eingeladen, 2015 im türkischen Pavillon auszustellen. Die Werke des 1938 in der Türkei geborenen Armeniers bilden den offiziellen Beitrag des Landes – hundert Jahre nach dem Völkermord. Zur Kuratorin des Pavillons wurde Defne Ayas bestimmt, die seit 2012 als Direktorin das Witte de With Center for Contemporary Art in Rotterdam leitet.

          Herr Sarkis, wer Ihre Installation „Respiro“ (zu Deutsch: Atem) im türkischen Pavillon betritt, wird sich an einen Kirchenraum erinnert fühlen. Die illuminierten verglasten Bilder wirken wie Fenster, die Regenbögen aus Licht könnte man für Altäre halten. Ist das Absicht?

          Sarkis: Das hat sich fast natürlich ergeben. Wissen Sie, ich fühle mich in Ausstellungen wie der Biennale oder der Documenta, an der ich zweimal teilgenommen habe, nicht richtig wohl. Es sind Gruppenausstellungen. Hier, nach Venedig, kommt man, um Werke an einem bestimmten Ort zu sehen: Tintorettos Gemälde in der Scuola di San Rocco, Tizian in der Frarikirche. Das gefällt mir. Häufig handelt es sich dabei um sakrale Orte. Man muss nicht gläubig sein, um zu erkennen, dass Kunst einen Raum braucht, um ihre Kraft zu entfalten. Das war die Voraussetzung für mich, um zu diesem schwierigen Zeitpunkt an der Biennale teilzunehmen.

          Lassen Sie uns von dem „schwierigen Zeitpunkt“ sprechen. Als Vorlage für Ihre Glasfenster dienen Ihnen auch politische Bilder: Eines zeigt den türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 ermordet wurde. Ein anderes Glasfenster greift die berühmte Aufnahme einer jungen Frau in einem roten Kleid auf, die bei den Protesten im Gezi-Park von den Sicherheitskräften mit Pfefferspray attackiert wird. Verwandeln sich diese Bilder, wenn sie Teil von „Respiro“ werden?

          Sarkis: Ich habe diese Bilder in einen sehr friedlichen Raum eingeladen. Die Betonung des Friedfertigen ist mir wichtig. Kennen Sie die gemalten Kircheninnenansichten von Saenredam aus dem siebzehnten Jahrhundert?

          Ja, ein niederländischer Maler. Sehr schmucklose Innenansichten aus der Zeit nach der Reformation.

          Sarkis: In diesen Bildern finden Sie auch Bettler und Kinder. Sie sind alle eingeladen zu kommen. In „Respiro“ haben auch sieben Kinder ihre Fingerabdrücke mit Farbe auf eine Spiegelwand aufgetragen. Das Bild vom Mädchen im roten Kleid habe ich im Glasfenster neu zusammengesetzt. Ich habe die Polizisten entfernt. Die Gaswolke ist in den Bleiverstrebungen des Fensters eingefangen. Sie erreicht das Mädchen nicht mehr. Im Bild ist sie beschützt.

          Defne Ayas: Sie wird fast zu einer Ikone.

          „Respiro“ wird von der Istanbul Foundation for Culture and Arts finanziert, einer privaten Stiftung. In Deutschland gilt die öffentliche Hand als unabhängiger Geldgeber, private dagegen können Misstrauen erregen. Wie ist das in der Türkei?

          Defne Ayas: Bei uns ist die Lage umgekehrt. Seit mehr als vierzig Jahren erhält diese private Initiative die Kultur in Istanbul am Leben.

          Sie leben beide im Ausland. Sind Sie in der Diaspora?

          Sarkis: Ich lebe in Paris, aber ich bin häufig in der Türkei. Und ich stelle dort auch aus. Einen Monat vor den Gezi-Protesten zeigte ich meine Regenbögen in einer Galerie in Istanbul. Bei den Protesten wurden die Regenbögen auf Treppen gemalt und von den Sicherheitskräften überstrichen. Wir haben sie dann wieder an der Fassade des Museums für Moderne Kunst angebracht. In „Respiro“ kehren sie wieder.

          Defne Ayas: Wir lassen uns nicht in die Diaspora schicken. Als die Gezi-Proteste begannen, bin ich sofort nach Istanbul gefahren, um teilzunehmen. Aber es ist Gewitterstimmung. Wie in Giorgiones berühmtem Bild „La Tempesta“, das hier in der Accademia in Venedig hängt.

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