https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/koelner-museum-zeigt-japanische-holzschnitte-15473750.html

Japanische Holzschnitte : Verherrlicht, verfemt, verrucht

Es ist eine kleine Sensation aus eigenen Mitteln: Das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst präsentiert eine hinreißende Ausstellung zum japanischen Holzschnitt.

          4 Min.

          Tu felix Colonia! Im Museum für Ostasiatische Kunst ist eine Ausstellung zu sehen, die allem die Schau stiehlt, was in den letzten Jahren zum Thema gezeigt wurde. Und das war nicht wenig, denn der japanische Farbholzschnitt ist mit seiner für damalige europäische Augen unerhörten Bildsprache der entscheidende Einfluss auf die moderne Malerei. Impressionismus, Art Nouveau und Expressionismus sind ohne ihn nicht denkbar, und selbst das Bauhaus hat die geometrische Abstraktion aus Hokusais Lehrbüchern der Zeichenkunst gelernt. Aber gerade weil die Bedeutung so groß ist, die Faszination so gewaltig war, scheint es in Kunstgeschichtsschreibung und Ausstellungswesen auch schon alles gegeben zu haben, was dazu allgemein zu sagen wäre. Längst sind deshalb Präsentationen einzelner Künstler oder von Motivgruppen Trumpf, die Spezialisierung ist in vollem Gange. Und da wagt sich ein vergleichsweise kleines Museum noch einmal an eine Gesamtübersicht?

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wobei das Kölner Haus eine große Geschichte hat, es war das erste seiner Art in Europa überhaupt, als es 1913 eröffnet wurde. Jetzt findet die Schau „Das gedruckte Bild“ aber – leicht verspätet wegen nicht ganz planmäßig beendeter Renovierung – zum vierzigsten Geburtstag des Museums statt. Wie das? Nun, gefeiert wird das Gebäude, ein modernistisches Kleinod des japanischen Architekten Kunio Maekawa, nicht die Institution. Denn deren erstes Domizil fiel im Zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer. Für die Sammlung galt das gottlob nicht.

          In Europa geschätzt, in Japan missanchtet

          Sie geht in ihrem Kern auf jene Objekte zurück, die das Ehepaar Adolf und Frieda Fischer 1909 der Stadt übergab, als die dem Wiener Industriellen-Erben und seiner Berliner Gattin ein eigenes Museum versprach. Die Fischers waren seit 1897 immer wieder gemeinsam nach Ostasien gereist und hatten dort zielstrebig eingekauft, auch japanische Holzschnitte, die damals in Europa groß in Mode waren, im Herkunftsland aber als populärer Kunstzweig verachtet wurden.

          „Die Museen ignorieren ihn gänzlich“, notierte Frieda Fischer 1898 in ihr Tagebuch: „Tag für Tag fahren wir mit den kleinen Jinrikschas, einer hinter dem andern, von Buchladen zu Buchladen und hocken Stunden um Stunden mit den Händlern beim üblichen Schälchen Tee auf den Matten ihrer bescheidenen Behausungen und wählen aus dem aus allen Gegenden des Landes herbeigetragenen Vorrat Perle auf Perle... Die japanischen Museen werden es schwer haben, Versäumtes nachzuholen. Dass sie eines Tages ihre Anschauungen über diesen Kunstzweig ändern werden, bezweifele ich keinen Augenblick.“ Prophetische Worte. Ein Vierteljahrhundert später musste das Nationalmuseum in Tokio die Sammlung eines Franzosen kaufen, um an einen nennenswerten Bestand zu gelangen.

          Die Sammlung der Fischers wäre auch dafür geeignet gewesen, aber sie lag ja bereits fest in Köln, und niemand wusste dort so recht, was man eigentlich hatte. Hundert Jahre lang sind die japanischen Holzschnitte des Hauses nicht systematisch untersucht worden, aber 2013 gewann man den größten europäischen Experten, den Niederländer Matthi Forrer, damals gerade an seiner alten Wirkungsstätte im Völkerkundemuseum von Leiden pensioniert, für diese Aufgabe. Er ging in vierjähriger Arbeit die insgesamt zweitausend Kölner Blätter durch, von denen Hunderte noch von den Fischers stammen, und entdeckte etliches, was nirgendwo sonst zu finden ist: etwa den vermissten Teil eines Triptychons von Utamaro, dessen andere beiden Blätter in Kansas und Tokio liegen. Jeweils auch Unikate, was seltsam ist, konnten doch von einem Druckstock mehr als zehntausend Holzschnitte abgezogen werden. Oder ein expressiv in Rot gedrucktes Fächerbild des legendären Kabuki-Schauspielers Ichikawa DanjuroVII (die Familie gibt diesen Künstlernamen seit dem späten siebzehnten Jahrhundert weiter) aus dem Jahr 1832, das den Akteur beim Buhlen um die Aufmerksamkeit des Publikums zeigt – und ebenfalls nur hier überlebt zu haben scheint. Oder Hosoda Eisuis Kurtisane von 1795, die ein Iris-Blatt so karessiert, dass die männliche Kundschaft wohl verrückt wurde – auch dies das bislang einzige aufgefundene Exemplar. Die Holzschnittgeschichte ist mit der Kölner Bestandsaufnahme immens bereichert worden.

          Da ist der Kopf um vieles klüger

          Aber das muss man gar nicht wissen, um im Museum, das fast die ganze Fläche für diese erste große Präsentation seines Grafikschatzes geräumt hat – 360 Objekte sind zu sehen –, sein Vergnügen zu haben. Denn hier wird didaktisch hochsubtil gearbeitet: kein Abschreiten eines chronologischen Parcours von den frühen buddhistischen Andenkenblättern über die noch einfachen Schwarzdrucke bis zu den uns vertrauten aufwendigen Farbholzschnitten. Sondern stattdessen thematische Gruppen, von Vergnügungsvierteln über Schauspieler, Tierdarstellungen und Landschaften bis zu Humoristischem und dazwischen Gattungen wie Surimono (Privatdrucke in kleinen Auflagen, aber mit höchstem drucktechnischen Aufwand) oder Ehon (illustrierte Bücher, und zwar ausgestellt in einer Zahl wie selten zuvor). Immer wieder neu wird man so mit der ästhetischen und intellektuellen Entwicklung dieser Kunst konfrontiert, wird erinnert an kurz zuvor Gesehenes, und wenn man heraustritt aus dem letzten Teil der Schau, wo dann doch einmal der Chronologie gegenüber den Motiven der Vorrang gegeben und eine kleine Gruppe von späten Meistern wie Yoshitoshi, Hasui, Goyo oder Tsuguharu versammelt wird, ist der Kopf um vieles klüger und das Bildgedächtnis bereichert.

          Um Blätter wie das mit den Schmetterlingen von Kubota Shunman, dem es vor zweihundert Jahren gelungen ist, die irisierenden Farben der Falter einzufangen – und das im Druck! Oder um die Fuji-Darstellung von Oihi Shuga in einem Ehon mit mehr als dreißig Ansichten dieses heiligen Bergs: Nichts außer ihm ist da auf einer Doppelseite im extremen Querformat zu sehen; als habe sich der Berg in den Himmel erhoben. Dass Hokusai dieses Buch gekannt haben muss, liegt auf der Hand, wenn man sich seine nahebei ausgestellten weltberühmten Fuji-Bilder ansieht. Vier Stück davon sind es hier nur; der Kölner Bestand ist ja nicht deshalb so grandios, weil er die gängigen Meisterblätter böte, sondern weil hier plötzlich auch Koryphäen des Holzschnitts auftauchen, für die sich bislang kaum jemand interessiert hat. So ist etwa von Shuga außer seinem Fuji-Buch gar nichts bekannt.

          Es gibt auch Zeichnungen in dieser Schau, die doch „Das gedruckte Bild“ heißt: acht hinreißende Aquarelle im chinesischen Stil von Hiroshige zum Beispiel oder ein erschreckendes Gemälde mit zwei abgeschlagenen Köpfen von Hokusai, das erst kürzlich erworben werden konnte. Wie überhaupt auf den Rat von Forrer hin während der letzten fünf Jahre die Sammlung punktuell ergänzt wurde, vor allem um Landschaften. So ermöglicht dieser eher kleine Bestand nun eine großartige Ausstellung. Augen auf, auf nach Köln.

          Das gedruckte Bild – Die Blüte der japanischen Holzschnittkultur

          Ausstellung im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln; bis zum 1. Juli. Der exzellente Katalog, eine veritable Summa der Beschäftigung von Matthi Forrer mit dem Thema, ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 39,80 Euro. Allerdings liegt er nur auf Englisch vor; ein deutschsprachiges, aber in Texten und Bildern extrem reduziertes Begleitheft kostet 9,50 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Training für den Notfall: Soldaten aus Taiwan in der Gemeinde Hukou Township im März dieses Jahres

          Angst vor China : Was Taiwan von der Ukraine lernen soll

          Der russische Überfall auf die Ukraine hat Taiwans Bevölkerung aufgeschreckt. Was, wenn China angreift? Die Vereinigten Staaten raten: Man solle sich auf asymmetrische Kriegführung vorbereiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch