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Kölner Dom : Schnipsel schreibt Baugeschichte

Sensationsfund in Düsseldorf: Eine Architekturzeichnung gibt Aufschlüsse über die Planung des Kölner Doms. Hätte man sie früher gekannt, wäre die Turmvollendung im neunzehnten Jahrhundert vielleicht anders ausgefallen.

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          Als die Handschrift mit der Signatur Ms. B 51 der Universität- und Landesbibliothek Düsseldorf im Jahr 2001 restauriert wurde, mussten zunächst mehrere Pergamentstreifen entfernt werden, die als Rückenmakulatur in den Einband geklebt waren. Die meisten von ihnen ließen sich einer spätmittelalterlichen lateinischen Pergamenthandschrift zuordnen, zwei der Fragmente aber gehörten zur „Federzeichnung eines Grundrisses, vermutlich eines gotischen Sakralbaus des dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhunderts“, wie in der 2005 erschienenen Edition vermerkt ist: „Erhaltener Ausschnitt zeigt wohl vielfach profilierte Stützen.“

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Was es mit der Zeichnung auf sich hat, wie das Stück Pergament in den Einband kam und um welche gotische Kathedrale es sich handelt, das hat Norbert Nussbaum, der an der Universität Köln Architekturgeschichte lehrt, in einer philologischen Puzzlearbeit ermittelt und dabei, so der stellvertretende Dombaumeister Peter Füssenich, einen „sensationellen Fund“ gemacht.

          Im späten fünfzehnten Jahrhundert wurden, wie Nussbaum nachweist, zwei Texte des frühchristlichen Autors Johannes Cassianus (um 360 bis um 435) - 230 Pergamentblätter insgesamt, die im dritten Viertel des vierzehnten Jahrhunderts (Blatt 1-60) und im späten zwölften Jahrhundert (Blatt 61-230) wohl im Skriptorium der Zisterzienserabtei Altenberg angefertigt wurden - in einen auf Holz montierten Kalbsledereinband eingebunden. Er blieb bis zur Säkularisation 1803 in Altenberg und gelangte danach in die Düsseldorfer Hofbibliothek, deren Bestände später die Universitäts- und Landesbibliothek übernahm. Zum Einbinden wurden ausgemusterte Pergamentreste benutzt, darunter auch Architekturzeichnungen, die „nicht mehr als anderweitig bewahrenswert erachtet wurden“ - und doch, aufgrund ihres bloßen Materialwerts und zugeschnitten auf je etwa 13,5 mal 7,2 Zentimeter, bewahrt wurden.

          Ein „äußerst beachtenswerter Befund“

          Dabei dürfte es sich, so ergab die gründliche Inspektion der beiden Fragmente, die weder eingeritzte Blindrillen noch Vorzeichnungen oder etwa Zirkeleinstichpunkte aufweisen, um Pausen handeln, die als Exemplare für mustergültige Lösungen dienten, wie sie zwischen den mittelalterlichen Bauhütten kursierten. Dass zwischen Köln und dem nahen Altenberg, wo 1259, elf Jahre nach dem Dom, mit dem Bau der großen gotischen Abteikirche begonnen wurde, handfeste Verbindungen bestanden, ist damit erstmals belegt. Bisher waren sie nur ein kunsthistorisches Konstrukt der Stilanalyse, die an dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts fertiggestellten Bau französische wie auch Kölner Einflüsse nachweisen konnte. Allerdings bleibt die Frage, warum die Zisterzienser diese Vorlage hergestellt haben, obwohl ihnen ihr Armuts- und Bescheidenheitsgebot den Bau von Türmen verbietet.

          „Wiedergegeben sind“, so Nussbaum, „zwei Niveaus der Kölner Domtürme, und zwar diejenigen, die für den Übergang des quadratischen Turmunterbaus zum Oktogongeschoss maßgeblich sind, das die steilen Helmpyramiden trägt. Die hinterlassenen Planfragmente schneiden das dritte und vierte Geschoss der Domtürme jeweils in Höhe der Fensterlanzetten.“ Das habe der Vergleich mit dem überlieferten Kölner Planbestand ergeben; das Altenberger Pendant ist nicht erhalten. Wie die Kölner Turmvollendung im neunzehnten Jahrhundert verlaufen wäre, wenn die im Buchrücken versiegelten Pergamente schon bekannt gewesen und in die schwierige Rekonstruktion eingeflossen wären, eröffnet Spielraum für Spekulationen.

          Der „äußerst beachtenswerte Befund“ (Nussbaum) gibt Aufschlüsse zur Bauplanung und Baugeschichte der Westfassade, über die bisher wenig bekannt ist. Der Schnipsel belegt, dass es einen größeren Bestand an Detailplänen gegeben haben muss, doch da die Akten der Dombauhütte 1794 von den französischen Revolutionstruppen nach Paris verschleppt wurden und seitdem verschwunden sind, ist in Köln anders als in Straßburg, Wien und Ulm keine große Plansammlung vorhanden. Allerdings ist der wahrscheinlich um 1280 entstandene Fassadenplan überliefert, der erste als Reinzeichnung erhaltene Gesamtplan in der abendländischen Architektur, der an Perfektion alles übertrifft, was im Mittelalter entworfen und gebaut wurde. Vier Meter hoch, ist er bis ins Detail durchgearbeitet und ein eigenständiges Kunstwerk, das in der Kapelle des Konrad von Hochstaden ausgestellt ist. Dargelegt hat Norbert Nussbaum seine Forschungsergebnisse im Kölner Domblatt 2014 (Jahrbuch des Zentral-Dombau-Vereins, 79. Folge. Verlag Kölner Dom, Köln 2014. 344 S., 159 Abb., br., 27,80 Euro), das am Freitag erschienen ist.

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