https://www.faz.net/-gqz-8woun

Plautilla-Nelli-Ausstellung : Serienbilder aus dem Theater der Tränen

  • -Aktualisiert am

Der Grund für all dies liegt in der Entstehungsgeschichte der Gemälde. Nach dem Konzil von Trient, dem Beginn der Gegenreformation, war die Darstellung von unkanonisierten Ordensschwestern wie der wundertätigen Dominikanerin Caterina (1522 bis 1590) offiziell verpönt. Darum tarnte die Malerin ihr Heiligenbild als Porträt Katharinas von Siena; ihre fromme Klientel wusste ohnehin, wer gemeint war. Aber die sinnliche Direktheit der Brustwunde war einigen der Bilderkäufer nach dem Tridentinum dann doch zu riskant. So ließen sie sie verschwinden.

Keine neuen Bildfindungen, sondern Konfektion

Der entscheidende Hinweis liegt in der Schablone. Nicht erst nach dem Reformkonzil, schon seit der Terrorherrschaft des Dominikanermönchs Savonarola war den Mitgliedern des Ordens die Annahme von Pfründen und Stiftungen verboten. Die Nonnen mussten selbst für sich sorgen. Deshalb widmeten sie sich der Kunst. Die Katharinen-Bilder, ob von der Hand Plautillas oder ihrer Gehilfinnen gemalt, sind Serienstücke einer Manufaktur. Manche, wie das Bild aus Perugia, haben mehr Rouge auf den Wangen, andere dickere Tränen. Ein Original ist keines. Das gilt auch für die archaisierende „Verkündigung“, die in zwei Fassungen in der Ausstellung hängt, oder die manieristische Schmerzensmadonna von 1582, die nach einer Vorlage von Alessandro Allori entstand.

Plautilla Nelli wusste, was sie dem Markt schuldig war. Wenn Vasari bemerkt, ihre besten Werke seien Kopien, da es der Nonne nicht vergönnt gewesen sei, nach der Natur zu malen, verkennt er die Produktionsbedingungen von Plautillas Kunst. Wer im Kloster Gemälde kaufte, erwartete keine neuen Bildfindungen, sondern Konfektion. In diesem Rahmen hat Plautilla Nelli Bemerkenswertes geleistet, zumal mit ihrer „Beweinung“, die im Museo di San Marco im Gebäude des ehemaligen Dominikanerklosters hängt, und dem „Pfingstwunder“ aus San Domenico in Perugia. Ihr originellstes Werk, das riesige „Letzte Abendmahl“ aus dem Kloster von Santa Maria Novella, hängt derzeit bei einer Restauratorin. Es hätte eine eigene Ausstellung verdient, nicht etwa, weil es den Abendmahlen Leonardos und Ghirlandaios ebenbürtig wäre, sondern weil es in seiner Mischung aus Pomp und Demut, aus kargen Speisen und Luxusgeschirr so viel über die frühbürgerliche Kultur des sechzehnten Jahrhunderts erzählt.

Ihre Ekstase ist ein Effekt, ihre Tränen sind Theater

Als Suor Plautilla vierundzwanzig war, erbte ihr Konvent den Nachlass von Fra Bartolommeo. Von da an nutzte die Malerin die Skizzen des Malermönchs als Musterbuch. Ihre eigenen Zeichnungen in den Uffizien bezeugen die Inbrunst, mit der sie sich den Strich ihres Vorbilds aneignete. Ein besonderer Blick, ein eigenständiges Interesse sind darin nicht zu entdecken. Hinter die Oberfläche ihrer Figuren konnte die Autodidaktin Plautilla Nelli nicht schauen. Ihre Ekstase ist ein Effekt, ihre Tränen sind Theater.

So gesehen, entdeckt die Ausstellung keine vergessene Meisterin, sondern das, was der Mediävist Arno Borst eine Lebensform nannte: einen Typus, der mit den Kirchenmalern des Frühmittelalters beginnt und bis in die Klöster der Gegenwart reicht. Bis zur Renaissance bleiben die allermeisten dieser Künstler anonym. Mit Plautilla Nelli treten sie, wenigstens in Florenz, aus dem Dunkel der Geschichte. Ihr Name sei gepriesen.

Weitere Themen

Die Badenden vom Taunus

Ernst Ludwig Kirchners Fresken : Die Badenden vom Taunus

Im Aschaffenburger Geburtshaus Ernst Ludwig Kirchners ist eine Sensation zu sehen. Ein von den Nationalsozialisten zerstörter Lebensfries kann rekonstruiert werden. Er zeigt ein Motiv, das sich durch alle Werkphasen des Expressionisten zieht.

Ein Kind im Winter

Roman von Norbert Gstrein : Ein Kind im Winter

Mit „Der zweite Jakob“, seinem fulminanten Roman über einen Mann auf der Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte, zählt Norbert Gstrein zu den Favoriten für den deutschen Buchpreis.

Topmeldungen

Christian Lindner spricht und Robert Habeck wartet Anfang Oktober in Berlin.

Keine höhere Einkommensteuer : Kröten schlucken für die Ampel

Selbst Jürgen Trittin akzeptiert, dass die Steuern für Topverdiener nicht steigen werden. Und Christian Lindner kommt mit einem höheren Mindestlohn klar. Für ihn zeichnet sich ein Konkurrent als möglicher nächster Finanzminister ab.
Woran festhalten, was erneuern? Hendrik Wüst blickt nach vorne.

Kritik an Parteispitze : Die Abrechnung der Jungen Union

Fehlende thematische Positionierung, Störfeuer aus Bayern und eine Kampagne, die zum Teil „nur noch zum Haare raufen“ gewesen sei: Der Parteinachwuchs ist beim Deutschlandtag gereizt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.