https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/kleopatra-die-liebesgoettin-und-ihre-maenner-1380423.html

Kleopatra : Die Liebesgöttin und ihre Männer

  • -Aktualisiert am
          7 Min.

          Politik ist ein schmutziges Geschäft. Diese Feststellung zählt zu den abgedroschensten aller Phrasen. Doch bestätigt uns jeder Blick in die Geschichte oder Gegenwart ihre Wahrheit. Beispielsweise auch, wenn es um Kleopatra geht, jene ägyptische Königin, die noch heute, fast zweitausend Jahre nach ihrem Tod, alle Welt als gekrönten machtgierigen und durchtriebenen Vamp zu kennen meint. Sie, so ihr Verruf, habe nicht nur die Politik, sondern auch die Liebe als Geschäft betrieben.

          Selbst wenn man sämtliche erotomanen Übertreibungen streicht, die befangene zeitgenössische Chronisten ebenso aufhäuften wie Jahrhunderte später der faszinierte Shakespeare oder wiederum später der animierte George Bernhard Shaw, so bleibt genug, um zu schaudern: Im notgedrungenen Kampf um ihren Thron verführte Kleopatra zwei der mächtigsten Männer ihrer Zeit - Caesar und Mark Anton -, machte sie ihren Gattinnen abspenstig und ließ sich von ihnen schwängern.

          Sie brachte den Männern den Tod

          So, wie sie diesen beiden den Tod brachte - das für Rom skandalöse Konkubinat mit Kleopatra trug zur Ermordung Caesars bei, Mark Anton tötete sich nach seiner Niederlage in der Seeschlacht von Actium, zu der Kleopatra ihm geraten hatte -, soll sie auch für die frühen Tode ihrer Brüder und Mitregenten Ptolomaios XIII. und XIV. mitverantwortlich sein, ebenso, wenn auch nur indirekt, für die Ermordung ihres und Caesars Sohn Kaisarion, den Caesars Adoptivsohn Oktavian ermorden ließ, um unangefochten zum weltbeherrschenden Imperator Augustus zu werden.

          Noch mit zweiundvierzig Jahren und als vierfache Mutter, so die zur cronique scandaleuse umkippende reale Geschichte, hat sie als Frau wie als Politikerin ihren Überwinder Oktavian so sehr beunruhigt, daß er aus Furcht, Kleopatra könne ihre Künste auch an ihm erproben, jede Begegnung mit der Geschlagenen mied und sie ermorden ließ - was ihm kurzfristig nutzte, aber ihr endgültig ewigen Ruhm sicherte. Denn das von Oktavians Propagandisten ausgestreute Gerücht, die Königin habe Selbstmord mittels einer Kobra verübt, gilt heute als die große letzte Tat einer Frau, die damit ihre Würde wiedergewann.

          Züge einer hakennasigen Frau

          Nur in einem hat Kleopatra die Nachwelt enttäuscht: Ihre bisher bekannten drei Porträtbüsten tragen die wachen, aber scharfen Züge einer hakennasigen Frau, die nichts von jener blendenden Schönheit haben, über die sämtliche schriftliche Quellen, wenn auch nur spärlich, berichten. Das könnte nun anders werden: Seit vergangenem Freitag empfängt die knapp lebensgroße, seidig polierte Marmorstatue einer atemberaubend schönen und sinnlichen jungen Frau im Hamburger Bucerius Kunstforum die Besucher der Ausstellung „Kleopatra und die Caesaren“. Bisher berühmt als „Venus vom Esquilin“, ist sie nun von dem Archäologen und Initiator der Ausstellung, Bernard Andreae, als Kleopatra identifiziert worden. Exakter: als kaiserzeitliche Kopie der vergoldeten Statue, die Caesar in dem von ihm gestifteten Tempel seiner mythischen Ahnherrin, der „Venus Genetrix,“ nahe dem Forum Romanum, aufstellen ließ.

          Andreaes Indizien imponieren: Die Vorderansicht der Statue - darauf hat 1955 schon der Philologe Licino Glori aufmerksam gemacht - folgt mit ihrem axialen, zugleich aufreizenden und distanzierenden Zurschaustellen des nackten Körpers ägyptischen Skulpturen von Göttinnen und Pharaoninnen; auch Kleopatra wurde mehrfach auf diese Weise dargestellt. Die leichte laszive Drehung aber des Oberkörpers der Statue vom Esquilin verweist auf die ptolomäische Zeit, als nach der Eroberung durch Alexander den Großen Elemente der hellenistischen Kunst in Ägypten neben die traditionellen Darstellungsweisen traten. Die nicht minder erotische Rückansicht des Standbilds wiederum, für die dem Künstler Vorbilder fehlten, weil Ägypten nur die Wahrnehmung Auge in Auge kannte, stimmt mit Rückenakten eines signierten Grazienbrunnens überein, der Roms Venustempel schmückte. Dadurch glaubt Andreae auch den Künstler der Venus-Kleopatra benennen zu können: Stephanos, einen der berühmtesten Bildhauer seiner und Kleopatras Zeit.

          Weitere Themen

          Was das Theater von der Krake lernen kann

          Salzburger Festspiele : Was das Theater von der Krake lernen kann

          Hinreißendes Schauspielertheater: Thorsten Lensing gilt als kompromissloser Einzelgänger. Sein dramatisches Debüt „Verrückt nach Trost“ wurde bei den Salzburger Festspielen mit Spannung erwartet. Bei der Dernière gibt sein phantastisches Ensemble noch einmal alles.

          Topmeldungen

          Jürgen Trittin am Mittwoch in Berlin

          Jürgen Trittin im Interview : „Wir sind noch Friedenspartei“

          Der Außenpolitiker der Grünen spricht über seine Zeit bei der Bundeswehr und erläutert, warum es richtig war, die Truppe mit mehr Geld auszustatten. International sieht er sich fest an der Seite der Vereinigten Staaten.
          Im Tarifdschungel: Reisende an Fahrscheinautomaten der Deutschen Bahn am Frankfurter Hauptbahnhof

          Entlastungspaket : Preissprung nach dem 9-Euro-Ticket

          Drei Monate lang konnte man für nur 9 Euro durch Deutschland fahren. Doch in zwei Wochen ist die große Rabattaktion im ÖPNV Geschichte. Danach kennen die Preise vor allem eine Richtung: nach oben. Wie geht es weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.