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Kasper König in St. Petersburg : Warum Matisse aus der Eremitage ausziehen muss

Der Kulturminister ist ihm egal

Ganz so einfach ist es aber nicht. Es gibt russische Künstler, die sich natürlich trauen, frei zu arbeiten. Es gibt Schriftsteller, die schreiben, was sie denken; es gibt Theater, die auf ihren Bühnen Putin karikieren, und auch bildende Künstler sind in ihren Werken kritisch mit dem Regime. Wahrscheinlich ist es Putin sogar recht, wenn sich das Volk mit Kunst statt mit Politik beschäftigt. Viele Künstler fürchten dennoch die Launen der Regierung und zensieren sich selbst. Und wenn sie sich nicht selbst zensieren, erreicht jene politische und freie Kunst doch nur wenige Menschen. Das liegt an Russlands Kulturminister, Wladimir Medinskij, der unter Intellektuellen oft nur „Chudoschnik Psych“ (Künstler-Psychopath) genannt wird. Denn Medinskij ist nicht nur Staatsmann, sondern auch Bestsellerautor und sieht sich gerne selbst als Künstler. Sein antiwestliches Propagandabuch „Mythen über Russland“ steht heute in fast jedem nationalistischen Haushalt dieses Landes. Medinskij ist ein Mann, von dem es heißt, er schade der Kultur mehr, als er ihr helfe. Ein Mann, der Sätze sagt wie: „Im Kopf von einem Fünftklässler darf keine Meinungsvielfalt herrschen.“ Oder: „Stalin kannte den Sinn von Ideologie und wusste noch, wie Gehirnwäsche funktioniert. Jetzt geht alles in Richtung Laissez-faire.“ Die Manifesta scheint Medinskij nicht sonderlich zu interessieren, vermutlich ist er gerade zu beschäftigt, sein nächstes xenophobes Buch zu schreiben.

Und so wie Kasper König dem Kulturminister, ist der Kulturminister auch Kasper König absolut egal. Schließlich unterstützt ihn Michail Piotrowskij. Piotrowskij, der Direktor der Eremitage, ist der eigentliche König in St. Petersburg, ein Mann, den die ganze Stadt verehrt. „Die Eremitage ist für die Russen das Gleiche wie der Vatikan für die Katholiken, und Piotrowskij ist der Papst“, erklärt König und läuft mit seinen russischen Angelinas zum Winterpalast. „Dort müssen wir noch die richtige Scharnierstelle für Beuys’ ,Wirtschaftswerte‘ finden.“

Das ist doch nur ein Chaplin-Bart

Im Schloss angekommen, sieht selbst der großgewachsene Kasper König so winzig aus wie ein Liliputaner. Das aufwendig gemusterte Parkett, die hohen Marmorsäulen, der leuchtend goldene Stuck - einfach alles im Winterpalast ist überdimensional. Sich hier die zeitgenössische Kunst der Manifesta vorzustellen, fast unmöglich. Für seine Ausstellung lässt König ganze Säle räumen. Matisse wird aus dem Schloss ausziehen müssen, um weiblichen, feministischen Positionen Platz zu machen. So wird man dort, wo heute Bilder nackter Frauen hängen, Kunstwerke gemacht von Frauen sehen. Während der Kurator durch das Museum läuft, vergisst er seinen Plan, einen Plan für Beuys zu machen, betrachtet lieber die griechischen Skulpturen im Saal des Herakles. Und immer wenn ihm etwas besonders gut gefällt, bleibt er kurz stehen und atmet wieder sein lautes, dumpfes „Ha!“ aus. Nach vielen Stunden Raserei ist König müde, seit fünf Uhr morgens ist er wach. Sein deutscher Manifesta-Assistent, der wegen seines Vollbarts so gar nicht in den Jolie-Zirkel passt, holt den Kurator ab und geht mit ihm in das Hotel.

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