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Kasper König in St. Petersburg : Warum Matisse aus der Eremitage ausziehen muss

König geht schnell in das Museum und sagt im ersten Saal: „Hier zeigen wir Vlad Mamyshev-Monroe.“ Und die Regierung und die Homophoben und überhaupt?, fragt man sich dann sofort. Denn der kürzlich verstorbene Vlad Mamyshev-Monroe ist zwar in Russland sehr bekannt, bekannt ist aber auch seine Homosexualität. „Im Moment sieht es so aus, als ob das alles klappt“, antwortet König und wirkt dabei entspannt. Er glaubt an seinen Vertrag, den seine Anwälte drei Monate lang ausgehandelt haben. „Ich wollte die Gewissheit haben, dass meine Arbeit nicht zensiert wird“, sagt der Kurator. Doch Rechte und Verträge - egal wie gut sie sind - haben in Russland wenig zu bedeuten, und nicht nur Mamyshev-Monroes Homosexualität könnte die Duma-Abgeordneten bald verärgern, sondern auch seine Kunst.

Als die Städtische Galerie Dresden im Jahr 2007 Fotografien Mamyshev-Monroes in einer Gruppenausstellung zeigen wollte, konfiszierte der russische Zoll unter dem Vorwand, dass „internationale Verstimmungen“ zu befürchten seien, die vier Kunstwerke. Denn in seinen Selbstporträts inszenierte sich der Künstler mal als eine russische Märchenfigur, mal als Buddha, Hitler oder Jeanne d’Arc und auch einmal als Wladimir Wladimirowitsch Putin. Über dessen Kostüm sagte Mamyshev-Monroe: „Als ich anfing, mich als Putin zu verkleiden, überkam mich das Gefühl, bald schon zu einer riesigen Made zu mutieren, die im Begriff ist, von der Scheiße, die sie frisst, zu platzen.“

König erklärt mit wilder Gestik das Werk von Mamyshev-Monroe. Doch wie realistisch ist es, diesen schwulen, politischen Künstler tatsächlich in St. Petersburg auszustellen? „Ich darf natürlich keine Propaganda machen“, sagt der Kurator und meint damit das russische Gesetz, das „öffentliche Zurschaustellung von Homosexualität“ unter Strafe stellt. Trotzdem ist König zuversichtlich, die Diplomatie der hiesigen Kulturszene begriffen zu haben: „In der Kunst kann man mit Etiketten spielen. Solange man es nicht schwul nennt, darf man fast alles.“

Dann geht es durch die anderen Räume, in einem wird der Kurator Thomas Hirschhorn zeigen, in einem anderen Installationen von Mike Kelley und irgendwo auch eine Videoarbeit von Bruce Nauman. Doch die Manifesta-Liste ist noch nicht vollständig. Offenbar haben manche Künstler Bedenken, in Russland auszustellen; einem Land, über das man im Westen sehr oft sagt, die Kunstfreiheit existiere dort gar nicht.

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