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Joseph Beuys : Das Genie, das aus der Kälte kam

Von den einen als Scharlatan angefeindet, von den anderen zum Schamanen verklärt: Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt einen neuen Joseph Beuys jenseits marktgängiger Präsentationsformen.

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          Was haben wir damals, in den achtziger Jahren, als wir in die Schule gingen, über Beuys gelernt? Warum war Beuys so wichtig für unsere Lehrer; warum hatten sie mit Beuys gegen ihre Lehrer gekämpft, die Beuys für einen Scharlatan hielten?

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Beuys, haben wir gelernt, stehe für den „erweiterten Kunstbegriff“, das Werk ist nicht mehr das Objekt im Museum, sondern: der Prozess, die Aktion, das soziale Ereignis, der Generator für den utopischen, lebensverändernden Furor, die Gesellschaft als soziale Plastik. Alles kann anders werden.

          Vom Filz erleuchtet

          Dann gingen wir ins Museum und sahen: einen alten Rucksack und ein paar Kupferstangen. Einen Filzanzug. Einen Fettbatzen. Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Wenn man die Museumsführer sprechen hörte, tauchte plötzlich ein anderer Beuys auf. Es ging jetzt nicht mehr um Partizipation, nicht mehr um Ermutigung, das eigene Leben zur Kunst zu machen, mit Kunst das Leben zu verändern, es ging nicht mehr um den mitreißenden Aktionskünstler, den Humoristen Beuys, der die Absurditäten des modernen Lebens sichtbar machte, der einen Fernseher mit Filz verklebte, so dass man nur noch die schnarrende, etwas anpreisende Stimme eines Sprechers hörte, aber nicht wusste, was dort angepriesen wurde – ganz im Gegenteil.

          Wo man etwas über Filz und Fett las, hieß es jetzt, sie seien die Rückkehr des Verdrängten aus „unserer“ von Konsum, Plastik, Hektik und Todesverleugnung geprägten Gesellschaft; vor einem derart schwarz gemalten Prospekt durfte sogar mausgrauer Filz als leuchtender Bewusstseinsbringer eines tieferen, wahreren „Anderen“ glänzen.

          Ein Wurm im Kosmos

          Eine bestimmte Generation von Beuys-Interpteten feierte ihn als schamanisch-depressiven Mythensucher, der im Materiallager einer dunklen Vorzeit die conditio humana suchte. Von dieser Entpolitisierung des Werks war es nicht mehr weit zu einem defätistischen Gesellschaftsbild, das dem Betrachter die Rolle eines erschrocken staunenden Wurms im unabänderlichen Kosmos zuweist: Der Isis-Kult glänzt golden, der Mensch ist dem Menschen ein Kojote; Wälder und Eisen, Blut und Schnee, keine Hoffnung, keine Veränderung, Wiederkehr des Immergleichen.

          Was bedeutet uns Beuys heute? Die Berliner Ausstellung ist eine der besten, die es seit langem gab – weil sie nicht Verehrung der Objekte erzwingt, sondern Unverständnis, Fragen, eine Neubewertung zulässt. In der Mitte der großen Halle des Hamburger Bahnhofs sind zahlreiche Arbeiten versammelt, man steigt ein paar Stufen zu ihnen hinab wie in eine soeben geöffnete Ausgrabungsstätte. Diese Ausgrabungsstätte ist umstellt von vierzig Bildschirmen, Videorecordern, Plakaten, Fotografien, die den anderen Beuys, seine Ideen, sein Auftreten zeigen: Man sieht Beuys, liest Beuys, entdeckt einen valentinesken Konsumkritiker und mitreißenden Performancekünstler – und begreift, dass die sogenannten aus Bronze, Metall und Filz zusammengestellte „Werke“, die man heute in den Museen findet, sich zum Künstler Beuys eventuell so verhalten wie Asche zu einem Feuerwerk.

          Requisiten nach der Aufführung

          Dass immer behauptet wird, Beuys’ Werk sei als Skulptur musealisierbar, liegt vielleicht vor allem im Interesse des Marktes. Vom Phänomen Beuys wollten auch Händler und Museumsleiter profitieren – aber die Musealisierung der Arbeiten bringt diese in eine Schieflage, verabschiedet sie in eine bloß noch materialästhetische Objektwelt, in der sinnlich-kulinarische Kategorien gelten – Schmieriges trifft auf Fell, Wärmendes auf Kaltes. Die Spontaneität, der Zauber des Moments, das Theatralische ist aber hinüber. Beuys’ Skulpturen erinnern an die Requisite einer Shakespeare-Aufführung; sie sind nicht die Aufführung selbst.

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