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Künstler Joachim Sauter : Sein Werk war Vorlage für „The Billion Dollar Code“

Klaute Google ihre Idee? Ohne die Software, die der Künstler Joachim Sauter und sein Team entwickelten, gäbe es Google Earth nicht. Vor Gericht verloren sie trotzdem. Szene aus der Serie „The Billion Dollar Code“ Bild: Netflix

Vor kurzem starb der Künstler Joachim Sauter. Sein Leben diente als Vorlage für die Netflix-Serie „The Billion Dollar Code“. Wer war der Mann, der den Google-Konzern herausforderte?

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          Es gibt Kunstwerke, die aussehen, als ob sie aus den Tiefen der Vergangenheit kommen. Da liegen Dinge in der Galerie, die an Faustkeile oder Höhlenzeichnungen erinnern. Und dann gibt es, viel seltener, Werke, die wirken, als ob sie aus der Zukunft kommen. So ein Werk ist der „Zerseher“. Man steht vor einem Gemälde – genau genommen vor einem Bildschirm, auf dem Giovanni Francesco Carotos Gemälde „Knabe mit Zeichnung“ zu sehen ist. Wenn man sich das Bild auf dem Schirm anschaut, passiert etwas Beunruhigendes: Die Stellen auf dem Bild, die man gerade betrachtet, verschwinden, sie werden aus dem Gemälde wie von Geisterhand ausradiert. Geht der Blick auf die Augen des Knaben, dann sind sie einen Wimpernschlag später nicht mehr zu sehen. Es ist, als würde das eigene Auge das Bild aufessen.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Erklärung für diesen Spuk ist eine Kamera, die die Augen des Betrachters verfolgt. Mit ihrer Hilfe analysiert ein PC die Position der Augen, und ein Algorithmus lässt dort, wo man hinschaut, das Bild verschwimmen. Zeigte man diese Arbeit heute in einer Galerie, würde sie gefeiert als Reaktion auf die Omnipräsenz von Kameras, die uns bei allem aufzeichnen, was wir tun, und die Ergebnisse von Algorithmen auswerten lassen: die Überwachungskameras in Supermärkten, die Kameras in den neuen Autos, die die Augen des Fahrers beobachten, damit ein Algorithmus errechnen kann, ob der Fahrer wohl müde ist.

          Joachim Sauter (1959 bis 2021) in den neunziger Jahren
          Joachim Sauter (1959 bis 2021) in den neunziger Jahren : Bild: Nachlass Joachim Sauter

          Der „Zerseher“ beschreibt ziemlich genau die Situation, in die die Digitalkonzerne im Jahr 2021 die Welt gesteuert haben – nur ist dieses Kunstwerk nicht von heute. Sondern von 1992. Es ist eine der ersten Arbeiten, die den Computer für interaktive Kunst einsetzen und, weit bevor der digitale Überwachungskapitalismus entstand, schon dessen Folgen sehr anschaulich vor Augen führen. Und wenn sie heute nicht in einem Atemzug mit Nam June Paiks „TV Buddha“ genannt wird, liegt das auch daran, dass Joachim Sauter, der Autor dieses Werks, sich für eine klassische Karriere im Kunstbetrieb nicht inter­essierte. Dabei hat der „Zerseher“ viele Parallelen zum TV Buddha: Dort sieht man eine Buddha-Statue vor einem Fernseher sitzen, eine Videokamera filmt ihn, sodass es aussieht, als würde der Buddha sein mediales Spiegelbild in Dauerschleife anstarren. Paik zeigte sein als Symbolbild des Medienzeitalters gefeiertes Werk 1974 in einer Galerie – Sauter seins 1992 auf der Ars Electronica.

          Damals war er 33 Jahre alt, einer der jüngsten Kunstprofessoren Deutschlands und Mitgründer einer Agentur, deren Position zwischen Kunst, Forschung und Design im spartengläubigen Deutschland niemand ganz begriff: Art+Com war 1988, maßgeblich auf Sauters Betreiben, von Künstlern, Wissenschaftlern und Hackern in Berlin gegründet worden, es gab enge Beziehungen zum Chaos Computer Club, und es ging darum, zu sehen, welche Möglichkeiten der Computer als Kommunikationsmedium bot, was man mit Virtual Reality anstellen und wie dank Interfaces das autoritäre Verhältnis von passivem Betrachter und aktivem Künstler neu gedacht werden könnte.

          Der große Software-Klau

          Was Sauter vorschwebte, war eine Art Massachusetts Institute of Technology in Berlin. Was er machte, sah oft atemberaubend aus; die 3-D-Animationen von Art+Com wurden für archäologische Forschungen genutzt, mit TrojaVR konnte man durchs antike Troja spazieren. Noch viel erstaunlicher war das, was Sauter und seine Freunde schon 1994 präsentierten: einen Planetenbrowser, der Luftaufnahmen, Satellitenbilder, Karten und Wetterdaten in Echtzeit verarbeitete und jedem Nutzer ermöglichen sollte, sich aus dem All bis hinunter in einzelne Straßen und Täler auf der ganzen Welt hineinzuzoomen – weswegen man das Projekt „Terravision“ nannte. 1996 beantragte Art+Com für dieses Weltsichtprogramm ein Patent, vorher zeigte Sauter die von der Deutschen Telekom mitfinanzierte „Terravision“ in Japan und im Silicon Valley – und in diesem Moment begann wohl auch die Geschichte, die in der gefeierten Netflix-Serie „The Billion Dollar Code“ als Fiktion „nach einer wahren Geschichte“ erzählt wird. Es ist Sauters Geschichte. Es ist die Geschichte von ein paar Freunden, die nicht akzeptieren wollen, dass Silicon Valley ihnen ihre Software klaut und als „Google Earth“ auf den Markt bringt.

          Bei Netflix heißt der Computerkunstpionier Carsten Schlüter, sein Freund, der Hacker, Juri. Ein hellsichtiger Bürokrat von der Telekom finanziert ihre Pläne, sie bekommen etwas hin, was aufgrund der zu verarbeitenden Datenmengen niemand für machbar hielt. Terravision wird in Japan vorgestellt und ein riesiger Erfolg – jeder will sich in sein Heimatdorf zoomen. Aus einem Kunstprojekt wurde eine Software, die den Blick auf die ganze Welt veränderte. Für eine Serienproduktion fehlt aber das Geld. Das kann der Chefentwickler von Silicon Graphics besorgen, den Juri wie eine Gottheit verehrt. Bald stellt sich heraus, dass er ihre Software einfach klaut. Die restliche Serie ist ein mitreißender Gerichtskrimi, der zeigt, wie Google alles plattmacht, was dem Konzern im Weg steht. Die Deutschen verlieren am Ende den Patentrechtsstreit.

          Im richtigen Leben hatte Sauter Terravision beim Computerhersteller SGI vorgestellt; dessen Chefentwickler Michael T. Jones gründete eine eigene Firma – und stellte plötzlich den „Earth Viewer“ vor, der nach dem Verkauf seines Unternehmens an Google in „Google Earth“ umbenannt wurde.

          Bei Art+Com arbeiten mittlerweile rund neunzig Mitarbeiter, die Firma produziert Medieninstallationen, die Sauters in Los Angeles lehrender Künstlerkollege und Freund Christian Möller als „gestalterisch unübertroffene Meisterwerke“ feiert. Es sind kinetische Skulpturen, die auf die Bewegungen des Publikums reagieren. Eine Arbeit besteht aus über tausend an dünnen Fäden hängenden Metallkugeln, die, zentral gesteuert, wie ein Fischschwarm zusammen jede beliebige Form annehmen können. Es ging Sauter darum, Digitalität wieder mit Effekten im Raum, mit der körperlichen Erfahrung, kurzzuschließen.

          Sauter hatte nicht nur früh eines der wichtigsten interaktiven Werke geschaffen, er war auch einer der außerordentlichsten Hochschullehrer seiner Generation. Wer ihn einmal erlebt hatte, erinnert sich an die freundliche, warmherzige Art, mit der er sich Studierenden widmete. Dass er nicht verbissen an einer Karriere im Sammler- und Galeriesystem arbeitete und keinen Signature-Style entwickelte, der sich gut verkaufen lässt, macht ihn nicht unsympathischer und nicht unwichtiger. Mit seiner Forschung beeinflusste er die verschiedensten Sparten. „Joachim war einer der weltweit wichtigsten Vordenker der Verbindung zwischen physischem und virtuellem Raum“, sagt der Architekt Wolfram Putz. „Seine Fähigkeit, beide miteinander zu verknüpfen und zu verschmelzen, hat uns fasziniert“. Als Leiter der legendären „digitalen Klasse“ hat Sauter viele Studierende geprägt. Auch der Designer Werner Aisslinger studierte bei ihm.

          „Er war immer zehn Jahre zu früh dran“, sagt er. „Das war übermorgen, was da passierte. Aber er war nie der Egomane, der vor allem eine Künstlerkarriere anstrebte. Andere mit seinen Fähigkeiten wären mindestens Ai Weiwei geworden.“ Das verbotene, ermattete Wort „Visionär“ wäre bei Joachim Sauter und seinen Werken, die von der strategischen Eintrübung unserer Vision durch die digitalen Bewusstseinskonzerne, aber auch vom Potential einer aus den Fängen des Silicon Valley befreiten Digitalisierung handeln, wirklich einmal angebracht.

          Im vergangenen Sommer starb Joachim Sauter bestürzend schnell an einer Krebserkrankung. Seine Kunst bleibt – und kämpft viel erfolgreicher gegen die manipulative Welt von Google, als alle Anwälte es könnten.

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